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7.12.1970: Der Kniefall von Willy Brandt
Den Anwesenden der Szene verschlug es den Atem. Ein Politiker zeigte Gefühle, indem er Schuld eingestand und um Vergebung bat. 20, 30 Sekunden verharrte der deutsche Bundeskanzler knieend, das Haupt tief gebeugt.

"Immer wieder bin ich gefragt worden, was es mit dieser Geste auf sich gehabt habe. Ob sie etwa geplant gewesen sei? Nein, das war sie nicht." So schilderte es Willy Brandt Jahre später in seinen Erinnerungen.

Die Kette des Unrechts durchbrechen

Ohne auf seine spontane Handlung direkt einzugehen sagte er am gleichen Tag: "Wir müssen unseren Blick in die Zukunft richten und die Moral als politische Kraft erkennen. Wir müssen die Kette des Unrechts durchbrechen."

In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" war am Tag nach dem Kniefall zu lesen: "Ein Gefühl der Scham musste den Mann wohl durchfluten, und es gab auch keinen Deutschen in der Runde, dem es nicht ähnlich erging."

Kein Zweifel: Willy Brandt hatte alle überrascht. Bei den damaligen kommunistischen Machthabern Polens hinterließ die kurze Geste lediglich Verwunderung. Bei Polens Intellektuellen hingegen genoss Willy Brandt von da an höchstes Ansehen.

Eine halbe Million Juden hatten die Nationalsozialisten ins Getto gesperrt. Im April 1943 kam es zum Aufstand, den die SS erbarmungslos niederschlug. Überlebende gab es kaum. Brandts Kniefall vor dem Denkmal, das an die Opfer erinnert, bescherte ihm aber auch Gegner. "Es fehlte weder an hämischen noch an dümmlichen Fragen, ob die Geste nicht überzogen gewesen sei", berichtete Brandt in der Rückschau.

Für einen Teil der Bevölkerung wurde er sogar zur Hassfigur, vor allem bei anonymen Briefschreibern, die ihn "hängen sehen" oder einfach "an die Wand stellen" wollten. Eine Mehrheit in Deutschland empfand die Demutshaltung Willy Brandts damals jedenfalls einer Umfrage zufolge als übertrieben.

Durch die Geschichte bestätigt

Für viele hat die Wende in Osteuropa nicht erst mit der polnischen Gewerkschaft Solidarnosz oder mit dem Mauerfall in Berlin begonnen. Polens erster Botschafter im wiedervereinigten Deutschland, Janusz Reiter, würdigte Willy Brandts Werk, ohne ihn zu nennen: "Wir neigen heute sehr stark dazu, das Jahr 1989 als den Beginn der europäischen Entwicklung zu betrachten, im Grund genommen als den Beginn unserer politischen Neuzeit. Das ist die Wende in Europa, und das stimmt auch. Aber im politischen Sinn, wenn man den Blick etwas weiter öffnet, dann war das Jahr 1970 die Wende im deutsch-polnischen Verhältnis."

25 Jahre nach Kriegsende war der 7. Dezember 1970 aus deutscher Perspektive ein hochsensibles Thema. Brandts Warschau-Reise war der Wendepunkt im deutsch-polnischen Verhältnis. Mit Polens Partei-Chef Władysław Gomułka und Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz wurde der so genannte Warschauer Vertrag unterzeichnet, der zusammen mit dem Moskauer Vertrag vom August des gleichen Jahres die Normalisierung der Beziehungen zur Sowjetunion und Polen einleiten sollte. Gleichzeitig erkannte Bonn damals die polnische Westgrenze, die Linie entlang der Flüsse Oder und Neiße, völkerrechtlich an.

"Vaterlandsverräter" war nur die harmloseste Bezeichnung, die Brandt damals von seinen Gegnern an den Kopf geworfen wurde. Erbittert wurde nicht zuletzt im Deutschen Bundestag zwischen Brandts SPD und seinem Koalitionspartner von der FDP und der Opposition, der CDU/CSU, über die Ostpolitik gestritten.

Die von ihm begründete Ostpolitik überlebte er damals, obwohl die Opposition ein Misstrauensvotum gegen ihn einbrachte. Gescheitert ist Willy Brandt erst Jahre später an einer unverschuldeten Spionagegeschichte. Seiner Popularität hat das nicht geschadet.


Autor: Volker Wagener
   
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