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2.12.1925: Zusammenschluss der IG Farben
"An diesen Aktien klebt Blut", rief ein alter Mann unlängst auf einer Hauptversammlung der Aktiengesellschaft "IG Farben in Auflösung".

350.000 Zwangsarbeiter mussten während der Zeit des Nationalsozialismus für die in der Interessengemeinschaft Farben zusammengeschlossenen Chemiefabriken unter unmenschlichen Bedingungen schuften. Mindestens 20.000 Häftlinge starben in dem Werk in Auschwitz, das der Konzern 1941 gleich neben dem Konzentrationslager bauen ließ. Hinzu kommt das Blut jener Menschen, die durch das von den IG Farben hergestellte Giftgas Zyklon B in den Gaskammern der Konzentrationslager grausam zu Tode kamen.

Am 2. Dezember 1925 schlossen sich deutsche Chemiefirmen, darunter Bayer, BASF und Hoechst, zur Interessengemeinschaft der Farbenindustrie zusammen. An die Gründungsveranstaltung von Deutschlands erstem multinationalen Konzern erinnert sich Kurt Duisberg, damals Assistent von Carl Bosch, dem Chef der BASF und späterem Vorstandsvorsitzenden der IG Farben.

Kurt Duisberg: "Die BASF beschloss, ihren Sitz nach Frankfurt am Main zu verlegen, wo zunächst nur eine ganz kleine Postauffangstelle und ein Anfang einer Zentralbuchhaltung in der Mainzer Landstraße entstand. Und das war eigentlich der Abschluss der Fusion. Von diesem Moment an gab es dann nur noch die IG Farben Industrie."

Damit gehörten praktisch alle wichtigen chemischen Fabriken im deutschen Reich zur Interessengemeinschaft. Und wer noch nicht dabei war, wurde in den kommenden Jahren von den wirtschaftlich erfolgreichen Kartellbrüdern geschluckt. Im Gründungsjahr verfügte der Zusammenschluss über 37 Fabriken und 91 deutsche Verkaufsniederlassungen. Der Gewinn des frischgeborenen Multis belief sich auf rund 68 Millionen Reichsmark.

Die, die sich da zusammentaten, waren keine armen Leute, sondern allesamt gut florierende Unternehmen. Doch es bahnten sich Absatzschwierigkeiten an.

Carl Duisberg: "Der Zusammenschluss kam dadurch, dass nach dem Kriege eben insbesondere ausgehend von der Farbstoffindustrie aus den bisherigen Abnehmerländern Konkurrenten geworden waren, d.h. Konkurrenten, die gestützt auf die eigenen Niederlassungen und eigenen Fabriken der früheren Firmen ihre chemische Industrie entwickelt hatten und dass diese Konkurrenz dazu führte, dass große Kapazität da war, der Absatz aber zunehmend schwieriger und kleiner wurde."

Mit anderen Worten: der verlorene Erste Weltkrieg hatte die Auslandsmärkte wegbrechen lassen, in den USA, Großbritannien und Frankreich wurden Kampagnen gestartet, die für den Aufbau nationaler Farbenwerken warben. Und selbst in industriell wenig entwickelten Ländern wie Spanien und Italien entstanden Chemiefirmen.

Hinzu kam, dass die führenden Köpfe der deutschen Chemiefabriken schon lange interessiert auf die Trustbildung in den Vereinigten Staaten schielten, die den dortigen Firmen eine immense Marktmacht verliehen. Diesseits des Atlantiks entstanden lose Zusammenschlüsse deutscher Chemiebetriebe, wie der "Dreierbund" zwischen BASF, Bayer und AGFA, der bereits im Ersten Weltkrieg Giftgas für die deutsche Kriegsmaschinerie lieferte.

Als Hoechst, Weeiler Ter Meer und Griesheim hinzustoßen wollen, wurden Nägel mit Köpfen gemacht und ein Kartell gebildet. Doch als es dann endgültig so weit war, bekam es der bis dahin größte Verfechter der Fusion, Carl Duisberg, der Vater von Kurt Duisberg, mit der Angst zu tun.

"Bosch wollte die vollendete Fusion, Vater Duisberg hatte Angst vor der Fusion: ist das überschaubar, wird das nicht bürokratisiert, wird das nicht zum Stillstand kommen, und wird nicht zu viel Leerlauf kommen..."

Aber Bosch setzte sich durch, und schon ein Jahr später war die IG das größte deutsche Unternehmen - größer noch als die bis dahin führende Vereinigte Stahlwerke AG.

1932 gründeten die IG Farben den "Freundeskreis des Reichsführers SS", schnell wurden alle jüdischen Direktoren entlassen. Von den Kriegsvorbereitungen des Naziregimes profitierte das Unternehmen. 1939 produzierte die IG 43 verschiedene Arten von Kriegsmaterial.

Und die 250.000 Beschäftigten gingen gerne zur Arbeit, glaubt Kurt Duisberg: "Man war stolz auf die IG, die eine große Firma war, eine weltweite Firma mit weltweiten Interessen, die Möglichkeiten gab. Die Chancen für Leute, die etwas konnten, waren sehr sehr viel größer wie sie früher im Rahmen einer Einzelfirma gewesen waren. Das machte natürlich uns einen gewissen, sagen wir mal ruhig berechtigten Stolz auf diese Firma. Das gab uns dieses Gefühl. 'Ach , wir sind die IG-Leute'."

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Alliierten durch das neunte Kontrollratsgesetz die deutschen Vermögen beschlagnahmten, zählten sie 244 inländische Beteiligungen. Anfang der 1950ger Jahre begannen die Sieger mit der Entflechtung des Multis. Es entstanden die "Farbennachfolger" wie es im Börsenjargon heißt, Bayer, BASF und Hoechst, die Agfa Camerawerke AG und die börsennotierte IG Farben in Abwicklung mit einem Grundkapital von zur Zeit 21 Millionen DM.

An dieser blutigen Gesellschaft entzünden sich bis auf den heutigen Tag die Emotionen. Die Eigentümer der Anteilsscheine wollen ihr vermeintliches Vermögen nicht einfach so sausen lassen und die unselige Verbindung endlich beerdigen. Opferverbände fordern, wenigstens diesen kleinen Rest des Vermögens Hinterbliebenen und ehemaligen Zwangsarbeitern zukommen zu lassen.

Autorin: Gerda Gericke
   
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