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27.11.1961: Contergan zurückgezogen
Mitte der 1950er Jahre beginnt die Firma "Chemie Grünenthal" bei Aachen mit der Herstellung der chemischen Substanz Thalidomid. Der Wirkstoff erweist sich als schlaferzeugend, ohne dass schädliche Nebenwirkungen festgestellt werden. Vor allem: Eine tödliche Überdosierung ist nicht möglich. Im Herbst 1957 kommt Thalidomid als Grundsubstanz des Schlaf- und Beruhigungsmittels Contergan in den Handel. Selbst schwangere Frauen nehmen das als "völlig ungiftig" angepriesene Präparat bedenkenlos.

Seit Ende 1959 wird in Ärztekreisen jedoch auch Kritik gegen das Mittel laut. Immer mehr Patienten, die über einen längeren Zeitraum Contergan eingenommen haben, leiden unter Symptomen, die auf Nervenschäden zurückzuführen sind. In den USA wird deshalb die erst 1960 beantragte Zulassungsgenehmigung des Wirkstoffs Thalidomid zurückgestellt. In zahlreichen anderen Ländern ist der Wirkstoff aber längst unter den verschiedensten Produktnamen im Handel.

Zu dieser Zeit gibt es aber noch ein anderes, weitaus erschreckenderes Syndrom, dessen Ursache jedoch noch unbekannt ist. Immer mehr Säuglinge kommen mit Missbildungen insbesondere an Armen, Beinen, Ohren und inneren Organen zur Welt. Bei manchen Kindern sind Hände und Füße direkt am Rumpf angewachsen.

Auf einer Tagung am 18. November 1961 spricht der Hamburger Professor Widukind Lenz einen Verdacht aus, den er bereits mit der Bitte um Konsequenzen der Fa. Grünenthal mitgeteilt hat. Vorsichtig formuliert er vor den Tagungsteilnehmern, dass ein "bestimmtes Medikament", das nach seiner eigenen Befragung betroffene Mütter in der Schwangerschaft eingenommen hatten, verantwortlich für die Missbildungen sein könne. Ein anwesender Arzt, der selbst ein Kind mit den beschriebenen Symptomen hat, vermutet daraufhin, dass es das Mittel ist, das auch seine Frau während der Schwangerschaft eingenommen hat: Contergan.

Die Reaktion der Fa. Grünenthal beschränkt sich darauf, dass sie die Contergan-Packungen mit einer Warnung für Schwangere versehen will. Erst nachdem die erste öffentliche Pressemeldung zu den Vermutungen erscheint, zieht die Firma das Mittel aus dem Verkehr. Gesundheitsministern Schwarzhaupt dazu im Bundestag:

"Am 27. November 1961 hat die Herstellerfirma das Mittel Contergan und alle weiteren Arzneimittel mit dem gleichen Wirkstoff aus dem Verkehr gezogen. (...) Es ist bis jetzt nicht erwiesen und wird erst wissenschaftlich nachgeprüft werden müssen, ob zwischen dem in Contergan enthaltenen Wirkstoff und den beobachteten Missbildungen bei neugeborenen Kindern wirklich ein ursächlicher Zusammenhang besteht. Entsprechende Untersuchungen sind von Länderseite eingeleitet."

Jetzt melden sich betroffene Eltern und zeigen das Unternehmen an. Doch erst mehr als fünf Jahre später kann gegen den Eigentümer und führende Mitarbeiter der Fa. Grünenthal Anklage erhoben werden.

In der im Mai 1968 beginnenden Hauptverhandlung weiß die Staatsanwaltschaft unter anderem, dass Tierversuche mit Contergan an trächtigen Affen zu den gleichen Missbildungen wie beim Menschen führen. Die Grünenthal-Verteidiger indes spielen auf Zeit.

Nach zwei Jahren schließlich bietet Grünenthal den Eltern 100 Millionen Mark an, wenn sie auf weitere Ansprüche verzichten. Aus Angst davor, dass sich das Verfahren noch durch mehrere Instanzen unabsehbar in die Länge zieht, willigen die Eltern in den Vergleich ein und akzeptieren damit aber auch, dass das Verfahren im Dezember 1970 ohne Urteil eingestellt wird. Zu diesem Zeitpunkt ist nur noch gut ein Drittel der geschädigten Kinder am Leben.

Die Entschädigungsgelder fließen in eine Stiftung ein, die mit weiteren 100 Millionen Mark aus Bundeshaushaltsmitteln aufgestockt wird. Bis heute erhalten die rund 2600 in Deutschland lebenden Contergangeschädigten daraus eine Rente zwischen 228 DM und 1024 DM, je nach Grad der Schädigung. Die übermäßige Beanspruchung von Wirbelsäule und Gelenken hat längst auch zu schmerzhaften Folgeschäden geführt. Doch die Geltendmachung weiterer Ansprüche ist den Opfern durch eine Bestimmung im Stiftungsgesetz nicht möglich.

Autorin: Henrike Scheidsbach
   
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