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26.11.1961: "Der Herr Karl"
"Ein Dreckfink, wer sein eigenes Nest beschmutzt!" So oder ähnlich lauten die Zuschauerbriefe. Die Briefträger schleppen sie Ende 1961 säckeweise ins Hauptgebäude des Österreichischen Fernsehens. Dabei flimmert nur ein berühmter österreichischer Schauspieler mit seinem neuesten Ein-Mann-Stück über die Mattscheibe. Helmut Qualtinger erzählt mit Hut und Hitlerbärtchen, Krawatte und Arbeitsmantel eine österreichische Lebensgeschichte.

Helmut Qualtinger als "Herr Karl": "Da hat man gewusst, wenn man beim Feinkost-Waberer was bestellt, dann kommt der Herr Karl. Ich war immer schon der Herr Karl. Weil, damals hat man auf Formen etwas gehalten, die Kunden. Das waren Herren und Formen."

Das erfolgreiche Autorenduo Helmut Qualtinger und Carl Merz soll dem österreichischen Fernsehen eine 50-Minutensendung liefern. Qualtinger ist Feuer und Flamme. Es soll etwas neues werden. Ein Monolog ohne Aktion, nichts soll den Zuschauer vom Text ablenken. Der "Herr Karl" wird geboren, ein Wiener Opportunist, der sich immer durchschlägt, überall absahnt und nichts begreift.

Helmut Qualtinger als "Herr Karl": "Na, ja die 30er Jahre. Da war ich sehr oft arbeitslos. Bis '34 war ich Sozialist. War auch kein Beruf. Hat man auch nicht davon leben können. Später bin ich demonstrieren gegangen für die Schwarzen. Hab ich fünf Schillinge gekriegt. War auch Geld damals. Dann bin ich zu den Nazis, da hab ich auch fünf Schilling gekriegt. Na ja, Österreich war immer unpolitisch. Nein, wir sind keine politischen Menschen. Bisschen Geld ist zusammengekommen. Man hat ja von was leben müssen."

Der "Herr Karl" hat ein Vorbild. Helmut Qualtinger karikiert einen Lagerarbeiter, der im Keller eines Delikatessengeschäftes Konservendosen stapelt. Und den Kunden ungefragt aus seinem Leben berichtet. Ein Leben zwischen dem Ende der Kaiser und König Monarchie und der Neutralitätserklärung Österreichs. Vorderhand das Leben eines gemütlichen, selbstzufriedenen Wieners; in Wirklichkeit das Leben eines schleimigen, unverbesserlichen Mitläufers.

Helmut Qualtinger als "Herr Karl": "Dann ist der Hitler gekommen. Das war eine Begeisterung, ein Jubel wie man es sich überhaupt nicht vorstellen kann. Endlich einmal hat der Wiener eine Freude gehabt. Man hat was gesehen. Es war wie beim Heurigen. Wie ein riesiger Heuriger. Aber feierlich. Ein Taumel."

Wenige Tage nach der Fernsehpremiere geht Helmut Qualtinger mit seinem "Herrn Karl" auf die Theaterbühne. Die Vorstellung wird ein Triumph.

Ein Kritiker schreibt: "Zu Helmut Qualtinger als Herr Karl gibt es keine Steigerung. Das steht einzig und unvergleichlich da. Das ist das Spiegelbild einer Volksseele, Gleichnis und Demaskierung einer Mentalität."

Helmut Qualtinger demaskiert schonungslos den ewigen Spießer. Jovial und gemütlich, dabei charakterlos und käuflich. Gewaltsam gegen Schwächere und unterwürfig gegenüber Gewaltsamen.

Helmut Qualtinger als "Herr Karl": "Dann sind schon die Russen gekommen. Ich bin sehr gut mit ihnen ausgekommen. Ich hab ja gewusst, wie man mit ihnen umgeht. Die Nachbarn sind alle gerannt mit ihren Hitlerbildern und haben sie auf den Misthaufen geschmissen. Ich hab meins hängenlassen. Ich hab die Russen extra in meine Wohnung geführt. Komm, Kamerad, Towarisch, dawai, dawai. Hab's Hitlerbild genommen und darauf rumgetrampelt. Sie haben gesagt: Karaschow, und sind gegangen."

Helmut Qualtinger ist bereits seit 20 Jahren auf den Bühnen der Wiener Theater und Kabaretts zu Hause. Sein Repertoire reicht vom politischen Kabarett bis zum klassischen Drama. Aber vom 26. November 1961 an wird Helmut Qualtinger zu seinem Leidwesen fast nur noch über sein alter ego, den Herrn Karl definiert.

Helmut Qualtinger als "Herr Karl": "Ich hab mir damals geschworen, dass ich aus meinem Leben etwas machen werde. Und ich hab es getan. War immer bescheiden - hab ein bescheidenes Leben geführt, aber ich habe es genossen."

Helmut Qualtinger genießt das Leben zu intensiv. 1986 stirbt er, erst 58 Jahre alt an einem Leberleiden. Der Dramatiker Peter Turrini formuliert sein Vermächtnis.

Peter Turrini: "Wenn wir Qualtinger wirklich leben lassen wollen, dann müssen wir endlich auf- und annehmen, wovon er eigentlich redet: Vom ganzen Ausmaß der menschlichen Schweinerei, die unter uns lebt und in uns lebt!"

Autorin: Catrin Möderler
   
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