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14.10.1933: Austritt aus dem Völkerbund
Der britische Außenminister Sir John Simon hatte seine Rede kaum beendet, da ging auch schon das Telegramm der Reichsregierung ein. Der deutsche Außenminister, Konstantin Freiherr von Neurath, teilte dem Präsidenten der Internationalen Abrüstungskonferenz, Henderson, mit, dass die deutsche Regierung sich "gezwungen sieht, die Abrüstungskonferenz zu verlassen". Hitler erklärte kurz darauf vor dem deutschen Reichstag: "Ich habe schon in meiner Friedensrede im Mai erklärt, dass unter solchen Voraussetzungen wir zu unserem Leidwesen auch nicht mehr in der Lage sein würden, dem Völkerbund anzugehören oder an internationalen Konferenzen teilzunehmen."

Es war alles nach Plan verlaufen für den Reichskanzler Adolf Hitler an diesem 14. Oktober 1933. Großbritannien und die USA hatten unter französischem Druck die internationalen Abrüstungspläne geändert. Noch sieben Monate zuvor schien es so, als sollte Deutschland trotz nationalsozialistischer Regierung seine Forderung auf militärische Gleichberechtigung und Ablösung des Versailler Vertrages durchsetzen können.

Hintergrund

Die Briten hatten der im Februar 1932 einberufenen Genfer Abrüstungskonferenz vorgeschlagen, dem deutschen Heer die gleiche Stärke wie den übrigen europäischen Armeen - mit Ausnahme Russlands - und nach fünf Jahren die gleiche Bewaffnung zu gestatten.

Selbst für Hitler konnte der britische Entwurf nicht gänzlich unannehmbar sein. Der Londoner Plan hätte Frankreich nämlich zu einer Reduzierung der Armee gezwungen, während Hitler mit völkerrechtlicher Legitimation die erste Phase der Aufrüstung hätte einleiten können. Scheinbar akzeptierte er den britischen Entwurf als Verhandlungsbasis und überraschte die deutsche und europäische Öffentlichkeit am 17. Mai 1933 mit seiner so genannten "Friedensrede". Darin gab er vor, den Versailler Vertrag als Fakt zu akzeptieren und behauptete: "Der Nationalsozialismus kennt keine Politik der Grenzkorrekturen auf Kosten fremder Völker."

Tatsächlich waren Hitler Verträge gleichgültig und multilaterale Verpflichtungen unangenehm. Ihm ging es nicht um Ab- sondern um Aufrüstung und um Krieg. Er wollte aus dem Völkerbund aussteigen, der am 10. Januar 1920 gegründet worden war und dessen zentrale Aufgabe nach den Idealen des US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson die weltweite Sicherung des Friedens war.

Deutschland im Völkerbund

Im September 1926 war Deutschland in den Völkerbund aufgenommen worden. Vorausgegangen war eine Entspannungspolitik des deutschen Außenministers und Friedensnobelpreisträgers Gustav Stresemann vor allem mit Frankreich, die 1925 zum Abschluss der Locarno-Verträge mit Frankreich, Großbritannien, Italien und Belgien führte. Das deutsche Reich verzichtete darin auf Elsass-Lothringen. Als Gegenleistung wurden die Sanktionsbestimmungen der Versailler Verträge gelockert, Frankreich und Deutschland akzeptierten die nach dem Ersten Weltkrieg festgelegten Grenzen.

In den Jahren 1926 bis 1929, bis zum Tod Stresemanns, erwarb sich Deutschland das Vertrauen in der Welt zurück, das mit dem Erstarken der Nationalsozialisten und ihren Erfolgen bei der Reichstagswahl im September 1930 wieder jäh zerstört wurde. Besonders in Frankreich wuchs die Furcht vor dem erneuten Aufleben eines deutschen Militarismus. Die französische Öffentlichkeit ließ immer weniger Konzessionen in der Abrüstungsfrage zu.

Rüstungsfrage

Im Gegenzug beharrte Berlin angeblich auf die Gleichberechtigung und darauf, dass die Rüstungsbegrenzungen, die Deutschland im Versailler Vertrag auferlegt worden waren, eine allgemeine Abrüstung aller Nationen zum Sinn haben sollte. Der Umkehrschluss, den die Nationalsozialisten zogen: Wenn nicht alle abrüsten müssen, dann sollten auch alle aufrüsten dürfen.

Hitler konnte sich darauf verlassen, dass der britische Plan der gleichmäßigen Bewaffnung an Paris scheitern würde. Tatsächlich votierte Frankreich dagegen: Grundsätzlich wolle man zwar an der allgemeinen Abrüstung und an der Gleichberechtigung Deutschlands festhalten, doch sollte die Verstärkung der deutschen Truppen zunächst um vier Jahre verschoben werden. Erst, wenn sich Deutschland in dieser Zeit militärisch enthaltsam gezeigt habe, wolle Frankreich gegebenenfalls abrüsten.

Britische Politiker warnten Frankreich. Die Vorschläge könnten für keine deutsche Regierung akzeptabel sein und einem Mann wie Hitler nur einen bequemen Vorwand liefern, die Abrüstungskonferenz zu boykottieren. Frankreich hatte Hitler das kleine Quäntchen Recht zugespielt, das den neuen deutschen Reichskanzler vor einer Intervention der europäischen Staaten schützte.

Ein Scherbenhaufen

Hitler hätte auch ohnehin darauf vertrauen können, dass sich die europäischen Mächte passiv verhielten. Die folgenlose Besetzung der chinesischen Mandschurei durch Japan im September 1931 war ein Menetekel. Es hatte die Anerkennung der territorialen Integrität und politischen Unabhängigkeit aller Mitglieder des Völkerbundes erstmalig ausgehebelt. Für einige Experten gilt die Intervention in der Mandschurei als der eigentliche Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, führte der Weg von der Mandschurei über Spanien nach München und Warschau und zurück zu Pearl Harbour, zumal Japan im März 1933 den Völkerbund verließ.

Da die USA von Beginn an nicht beigetreten waren, weil sie die nationalen Egoismen der europäischen Länder erkannten und Russland bis 1934 ebenfalls nicht dabei war, glich der Völkerbund nach dem Austritt der Großmacht Deutschland einem Torso, der sich in einen Scherbenhaufen verwandelte, als Hitler nach der Abrüstungskonferenz auch dem Abrüstungsgedanken den Todesstoß versetzte.

Autor: Frank Gerstenberg
   
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