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7.10.1979: Grüne ins Bremer Parlament
Hans Koschnik, Bremens Bürgermeister, argwöhnte, nun werde es wohl sehr turbulent in der Bürgerschaft. Und Parlaments-Präsident Dieter Klink, wie Koschnik Mitglied der Dauer-Regierungspartei SPD, gestand Jahre später, für viele Sozialdemokraten sei eine Welt zusammengebrochen.

Dabei war am 7. Oktober 1979 nur ein neues Landesparlament im kleinsten deutschen Stadtstaat gewählt worden, und die SPD blieb auch an der Macht. Aber da gab es vier neue Kollegen, die statt Schlipse auffällig bunte Pullover trugen, auf die alle Kameras gerichtet waren, und die vorgaben, schlicht alles ganz anders machen zu wollen. Olaf Dinne, Peter Willers, Delphine Brox und Axel Adamietz bezogen ihre Posten als Volksvertreter, obwohl die grüne Bundespartei noch gar nicht gegründet worden war.

Die Gruppe war als "Bremer Grüne Liste" angetreten, einer bunten Mischung aus enttäuschten, ehemaligen SPD-Anhängern, Ökos, Personen aus der Bürgerbewegung und alten Linken. Aus dem Stand heraus schafften sie 5,1 Prozent - das Startsignal war gegeben für die neue, ständige vierte parlamentarische Kraft.

Vor Selbstbewusstsein strotzte vor allem Olaf Dinne, ein schillernder Paradiesvogel in der Nadelstreifenmonotonie der Bürgerschaft, Architekt, 68er-Barrikadenkämpfer, der es sich mit den Genossen verdorben hatte, als er Filz und Vetternwirtschaft anprangerte und gegen Abrisspläne in der Altstadt auf die Straße ging. Er war schon vor dem Wahltag siegessicher:

"Wir sind optimistisch, weil wir nicht naiv an die Sache herangehen, sondern wir wissen einfach, wie die Umfragen lauten. Also wir sind überzeugt, dass wir über fünf Prozent kommen, und dann werden wir das Gewissen gegenüber der bisherigen, rein technokratischen und pragmatischen Politik darstellen."

Eigentlich hatte die grüne Bewegung noch gar nicht entschieden, ob sie sich den Sachzwängen der etablierten Politik stellen oder lieber außerhalb der Parlamente tätig sein wollte - die Bundespartei wurde erst im Frühjahr 1980 in Karlsruhe gegründet.

Aber der Zeitgeist sprach für die Grüne Liga: Unzufriedenheit machte sich breit mit den verkrusteten Strukturen. Umwelt- und Friedensthemen hatten Konjunktur. Die etablierten Institutionen, Politik und Medien, warfen den seltsamen Neuankömmlingen vor, nur den Protest zu kanalisieren. Spitzenkandidat Peter Willers hielt am Wahlabend dagegen:

"Meiner Meinung nach ist dieses Wahlergebnis auch nur die Spitze eines Eisberges. Wir betreiben keine alleinige Protestpolitik, sondern wir haben ganz konkrete Vorstellungen darüber, wie es anders sein könnte."

Die Studentenrevolte war in den Universitäten steckengeblieben, der frische Wind kam nun aus dem bürgerlichen Lager. Aber die alten Linken mischten mit: Sie konnten sich nicht entschließen, ein Wahlbündnis mit den Bürgerschreck-Gestalten um Linne einzugehen, und bei den selbst Initiativen herrschte tiefes Misstrauen gegen die Linken. Deren früherer Star, Studentenführer Rudi Dutschke, sah in den Bewegungen die besten Perspektiven und engagierte sich ein Jahr vor seinem Tod auf der Seite Olaf Dinnes. Fast prophetisch sah er die Entwicklung zu einer eigenständigen politischen Kraft voraus, die gerade begann:

"Hier ist eine bundesrepublikanische Entscheidung, ob wir über fünf Prozent kommen oder nicht. Wenn Sie sich dessen bewusst sind, dann werden Sie auch für die Grüne Liste ihre Wahl erheben, um gerade den Herrschenden eine endgültige Abfuhr zu erteilen, damit sie es merken. Von Bremen bis in die Bundesrepublik hinein."

Und dann begannen die vier ersten Lehrjahre der Grünen. Es folgten Brüche und schmerzhafte Trennungen, Ernüchterungen über das Machbare; aber die Erfolge blieben nicht aus. 1983 gelang, nunmehr als Bremer Landesverband der Grünen, der Wiedereinzug in die Bürgerschaft, aus vier Abgeordneten wurden zehn, dann 22.

1991 schließlich beteiligten sich die Grünen, wenn auch nur für kurze Zeit, an einer Koalition mit der SPD und der FDP. All die Jahre dabei war die Mutter Courage der Bremer Grünen, Christine Bernbacher, die sich als erste Grüne dem basisdemokratischem Rotationsbefehl widersetzte. Nach ihrem Ausscheiden resümierte sie:

"Meine Freunde in der Partei haben oft zu mir gesagt: Wir müssen die Rahmenbedingungen verändern. Und ich habe gesagt: das auch. Aber vor allem müssen wir dem Bürger heute unser Ohr gönnen. Denn dem nützen die Rahmenbedingungen des nächsten Jahres oder der nächsten Legislaturperiode nichts. Der will jetzt Hilfe haben."

Autor: Jens Thurau
   
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