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21.9.1972: Altersgrenze wird flexibel
Walter Arendt: "Das Rentenreformgesetz ist das größte sozialpolitische Gesetzesvorhaben seit der Neuregelung der Rentenversicherung aus dem Jahre 1957. Viele Millionen Menschen in diesem Land, Arbeitnehmer und Rentner, Hausfrauen und Selbständige, warten auf diese Reform. Diese Menschen sollen nicht enttäuscht werden. Es ist daher die Aufgabe dieses hohen Hauses, das Reformwerk heute zu verabschieden."

Was der damalige Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, Walter Arendt, in seiner Rede vor dem Bundestag am 21. September 1972 anlässlich der bevorstehenden dritten Lesung des Rentenreformgesetzes ankündigte, war ebenso sehr das Ergebnis des Regierungswechsels von 1969, der sozial-liberalen Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt, wie einer dreijährigen Vorarbeit in seinem Ministerium.

Trotzdem konnte die CDU/CSU-Opposition das Gesetzeswerk auch als ihren Erfolg feiern, denn in vier Kampfabstimmungen über Einzelteile des Gesetzeswerkes hatte sie sich jeweils mit knapper Mehrheit gegen die Regierungskoalition durchgesetzt. So war es nicht verwunderlich, dass die Schlussabstimmung mit 493 Ja-Stimmen bei nur einer Enthaltung einmütig ausfiel.

Die "Frankfurter Allgemeine" titelte prompt am nächsten Tag, dass die Rentenvorschläge der CDU von allen Parteien im Bundestag gebilligt worden seien.

Überhaupt pickte sich jedes Blatt einen anderen positiven Aspekt des neuen Gesetzes heraus. Für die "Süddeutsche Zeitung" war es die Ausweitung der Rentenversicherung auf Hausfrauen und Selbstständige, für die "Welt" war es die große Einmütigkeit in einer so wichtigen gesellschaftspolitischen Frage.

Kernpunkt des neuen Gesetzes war aber die Einführung der flexiblen Altersgrenze, wie Minister Arendt im Bundestag hervorhob:

Arendt: "Bei der flexiblen Altersgrenze darf ich feststellen: Wir haben grundsätzlich die flexible Altersgrenze durchgesetzt. (...) Dafür gab es keine Vorarbeiten früherer Bundesregierungen. Durch die Initiative dieser Bundesregierung wird künftig jeder Versicherte mit einem erfüllten Arbeitsleben seine Altersgrenze selbst bestimmen."

Obwohl im Umfeld der Rentenreformdiskussion eine breite Erörterung der Gesamtproblematik einsetzte, an der sich Sozialpolitiker aller Parteien ebenso beteiligten wie Psychologieprofessoren, Theologen und Gerontologen, konnte das Gesetz natürlich nicht soweit gehen, eine absolut individuelle flexible Altersgrenze festzuschreiben. Das "erfüllte Arbeitsleben" wurde allgemein mit 63 Jahren definiert. Im Einzelfall kann 63 natürlich viel zu spät und die bis dahin fast magische Altersgrenze von 65 Jahren viel zu früh sein.

Wissenschaftliche Untersuchungen hatten ergeben, dass die meisten Menschen zwischen 55 und 60 einer vorzeitigen Beendigung des Berufslebens positiv gegenüberstehen. Dann aber, wenn sie die 60 überschritten haben, wenn der Zeitpunkt der Berufsaufgabe Realität zu werden droht, wollen ihn viele am liebsten noch ein bisschen vor sich her schieben und möchten eher weiter arbeiten, am besten sogar über die 65 hinaus.

Ganz nebenbei wurde im Zuge der Rentenreform vom September 1972 die elektronische Datenverarbeitung eingeführt, wie Arbeitsminister Arendt im Bundestag mitteilte:

Arendt: "Die flexible Altersgrenze, die Öffnung der Rentenversicherung für weitere Gesellschaftsgruppen, die Datenverarbeitung in der Rentenversicherung und die Weiterentwicklung des Rentenrechts überhaupt, diese Programmpunkte werden mit dem heutigen Rentengesetz erfüllt."

Das Kernstück des Gesetzes von 1972, die flexible Altersgrenze, gibt es zwar noch immer, doch das Gesetz stimmt mit der Realität nur in seltenen Ausnahmefällen überein. Längst ist durch betriebliche Vorruhestandsmodelle und Abfindungen die tatsächliche Altersgrenze für das Ausscheiden aus dem Arbeitsleben auf unter 63 Jahre für Männer und 60 Jahre für Frauen gesunken.

Autor: Norbert Ahrens
   
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