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9.9.1976: Mao Tse Tung tot
In den chinesischen Städten säumten Abermillionen Menschen die Straßen, um dem Revolutionsführer die letzte Ehre zu erweisen. Doch mischte sich schon damals in die offiziell angeordnete Trauer gewisse Erleichterung ein, schließlich haben die Chinesen des 20. Jahrhunderts dem Gründungsvater der Volksrepublik China nicht nur etwas zu verdanken.

Liu Zaifu, Literaturprofessor und heute führender Dissident in der chinesischen Übersee, erinnert sich: "Jene Ära von Mao war die Zeit, in der von oben nach unten jeder Wunsch im Namen der Ideologie, der Befreiung diktiert wird. Im Namen aller heiligen Revolution werden Menschen in ihrer Seele unterjocht, kaum dass sie von Befreiung sprechen konnten."

Am 26. Dezember 1893 wurde Mao Tse Tung in der zentralchinesischen Provinz Hunan geboren, als Sohn einer Bauernfamilie, die sich gerade noch über Wasser halten konnte.

Um die Jahrhundertwende war China mit Massenkorruption und wirtschaftlichem Kollaps im Innern konfrontiert. Nach außen befand sich das letzte Kaiserreich gegenüber den westlichen Kolonialmächten in verzweifelter Lage: Die Idee, sich, die Familie und am Ende das eigene Land zu retten, war nicht nur dem Jungen Mao Tse Tung vertraut.

Dai Qing, eine renommierte Journalistin Chinas, beschrieb Maos Jugendtraum: "Seinerzeit hatte Mao Tse Tung mit einem Jugendfreund namens Qiao Qian eine heftige Debatte. Mao forderte den Freund auf, zur Befreiung der Nation alles aufzuopfern, einschließlich der eigenen Person und deren individuellen Freiheiten. Der Freund winkte ab. Doch blieb Mao bei der Überzeugung: Sobald er als Retter der Nation an die Macht komme, werde er alles neu organisieren, werde er allen Menschen das ihnen Gerechte geben, werde er eine völlig neue Welt schaffen."

Nach 22 Jahren Bürgerkrieg und dem Feldzug gegen die japanische Aggression, kamen Mao Tse Tung und seine KP an die Macht. Nach blutigen Schlachten konnte er die korrupte Regierung verjagen. Mit Ausdauer und Disziplin trotzte die Volksbefreiungsarmee unter Maos Führung erfolgreich der militärischen Übermacht Japans und der USA im Koreakrieg.

Als am 1. Oktober 1949 Mao Tse Tung die Volksrepublik in Peking ausrief, ertönte das Lied "Der Osten ist rot", gedichtet von einem Bauern, der wie die großen Massen Mao Tse Tung im Freudentaumel vergöttert: "Der Osten ist rot, die Sonne geht auf; In China geht ein Mao Tse Tung hervor. Er bürgt für das Glück des Volkes. Er ist der Retter der Nation."

Zhao Fusan: "Es ist merkwürdig: Einerseits singt man die Internationale, die besagt, dass keinen Retter gibt. Andererseits wird Mao Tse Tung als Retter der Nation gefeiert. Fünfzig Jahre lang bis heute. Gewiss will die Kommunistische Partei, unter Mao Tse Tungs Führung erst recht, es schaffen, die so genannte Mao Tse Tung Ideen als Gottes Gnade durchzusetzen. Gewiss soll im Namen Gottes eben diese Gnade alles andere ersetzen: Die Moral, die Philosophie, die Politik. Doch ist die chinesische KP mit dieser Idee gescheitert, eben unmittelbar nach Mao Tse Tungs Tod am 9. September 1976, als die Kulturrevolution zu Ende ging."

Diese Einschätzung von Zhao Fusan, Chinas führender Religionsforscher, teilen heute viele Chinesen, die sich mit äußerst gemischtem Gefühl an ihren Retter erinnern.

Die Journalistin Dai Qing: "Es war nach der Gründung der Volksrepublik China die Regel, nämlich sobald Mao Tse Tung auch nur ein paar Jahre ohne Revolution auskommt, sobald seine Kommunistische Partei ein paare Jahre keine politische Kampagne zur Erziehung des Volkes vom Zaum bricht, finden die Chinesen ihren eigenen Schöpfersinn wieder. Das Land floriert. Doch nie hatte diese Nation auch nur diese ein paar Jahre Zeit gehabt. Immer wieder startete Mao Tse Tung erneut eine Revolution nach dem Motto: Dieser Revolution musst du alles aufopfern, auch dich selbst und deine Freiheiten vor allem."

Rund 30 Millionen Chinesen sind seit 1949 bei politischen Kampagnen ums Leben gekommen, noch mehr Menschen wanderten zuweilen hinter Gitter. Als die letzte von Mao Tse Tung geführte Kampagne, die Kulturrevolution, 1976 endete, war China einem totalen Zusammenbruch hautnah.

So verwundert es kaum, dass kurz nach seinem Tod am 9. September 1976 Mao Tse Tungs Ideal der ständigen Revolution vom Volk aufgekündigt wurde. Die Ära der Reform folgend, mit wirtschaftlichem Aufschwung als Folge, aber auch mit Massenkorruption und sozialer Ungerechtigkeit.

China scheint zu jener Zeit zurückzukehren, als Mao Tse Tung schwor, das Land ganz von Neuem zu schaffen - durch brutale und diktatorische Revolution, die bei der jungen Generation heute nur noch Hohn und Spott ernten würde.

Cui Jian, ein berühmter Rocksänger aus Peking in seinem Song, "Ein rotes Tuch" singt: "An jenem Tag bindest Du mit einem roten Tuch meine Augen wie mein Gesicht; dann fragst Du mich, was ich sehe, ich antworte, ich sehe mein Glück. Das Gefühl ist einfach unbeschreiblich, es lässt mich vergessen, dass ich obdachlos bin. Jetzt, wo du mich fragst, wohin mit dir, jetzt antworte ich eben: Da wo du willst."

Autor: Schi Ming
   
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