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5.9.1946: "Kritik der reinen Unvernunft"
"Humor ist die Lust zu Lachen, auch wenn einem zum Heulen ist."

Sein ganzes Leben lang folgt der Kabarettist Werner Finck diesem Motto. Sein erstes Testgebiet: die Schule. Dort hat allerdings niemand Sinn für Satire à la Finck. Ohne Abitur muss er vorzeitig die höhere Lehranstalt verlassen.

Finck: "Als ich dann schließlich in Obertertia war, las ich eine Biografie von Gerhard Hauptmann in einer Literaturgeschichte. Und da sah ich, dass der Gerhard Hauptmann nur bis Quarta gekommen war. Da hab ich mir gesagt: 'Bin ich ja zwei Klassen zu weit gegangen!'"

Werner Finck schreibt sich auf der Kunstgewerbeakademie in Dresden ein. Dann will er Geld verdienen. Er verdingt sich im Kohlebergbau, ist aber schnell geheilt. Er wechselt an einen sauberen Schreibtisch der Görlitzer Nachrichten.

Aber in Wirklichkeit will er auf die Bühne. Mit 19 Jahren macht er sich als Vortragskünstler selbständig. Als Theaterkomiker führen ihn Engagements über die Provinz nach Berlin, dem heißesten Pflaster der 1920er Jahre. Berlin ist die Hauptstadt des Kabaretts. Schnell wird man aufmerksam auf den jungen Mann mit der einmaligen Art, zu sprechen:

Finck: "Ich meine, jeder druckst sich aus, wie er kann. Aber ich habe das 'Etwas' zum Gesamtstil gemacht, das Ausdrucksen. Man nannte mich schon den Meister der unvollendeten Sätze."

1929 gründet Werner Finck in Berlin sein eigenes Kabarett, die "Katakombe". Seine Kollegen sind unter anderem Theo Lingen, Erik Ode, Rudolf Platte und Ursula Herking. Die Truppe feiert mit ihren bissigen Politsatiren Triumphe. Aber dann kommen die Nazis an die Macht. Noch ist niemandem klar, was das bedeutet:

Finck: "Und dann haben wir uns gesagt, ach Gott, haben wir uns gesagt, das ist doch ein Irrer, der Hitler! Als ob das was in der Politik zu sagen hat!"

Werner Finck macht sich in seinem Programm unbeirrt über die Nazis lustig, bis sie ihm die "Katakombe" schließen. Finck kommt ins KZ Esterwege. Ihm wird der Prozess gemacht.

Finck: "Es fing mit einem Angriff des Vorsitzenden an. Der fragte mich, ob ich mir denn darüber nicht klar gewesen wäre, dass auch Witze eine Staatsautorität untergraben könnten. Ich brachte meine Verwunderung zum Ausdruck, und außerdem hatte ich ja den Eindruck, dass es nicht so der Fall ist, dass ja zum Beispiel über das Finanzamt seit Jahren die blutigsten Witze gerissen worden sind. Und ich hab den Eindruck, das Finanzamt ist stärker denn je."

Nach einigen Monaten Straflager kommt Werner Finck zwar wieder frei, aber er bleibt ständigen Schikanen der Nazis ausgesetzt. Um sich neuerlicher Verhaftung zu entziehen, meldet sich Finck freiwillig zum Militär. Er kommt an die russische Front. Aber Finck hat Glück. Er findet ihm Wohlgesonnene in der Generalität. Als Komödiant bei der Wehrbetreuung übersteht er die Zeit bis zum Kriegsende.

Finck: "Wie ich höre, der Zusammenbruch ist da, bin ich erst mal auf Schreibstube gegangen, habe gefragt, ob noch was wäre. Und erst, als man mir sagte, vielen Dank, es hätte sich erledigt, da gab ich mich dem Zusammenbruch hin."

Das Trauma der Nazizeit verarbeitet Werner Finck, indem er mit seiner Geschichte auf die Bühne geht. Am 5. September 1946 präsentiert er in Berlin sein erstes Nachkriegsprogramm. Titel: "Kritik der reinen Unvernunft - eine gesprochene Autobiografie." Anderthalb Stunden lang erzählt Werner Finck aus seiner Vergangenheit in der typisch Finckschen Art, die seine Fans so lieben. Etwas haspelig wie beiläufig und doch messerscharf. Den tiefsten Blick in seine Seele erlaubt Finck mit dem Gedicht an seinen Sohn:

Finck: "Du brauchst Dich Deines Vaters nicht zu schämen, mein Sohn. Und wenn sie Dich eines Tages beiseite nehmen und dann auf mich zu sprechen kämen, sei stolz, mein Sohn. Sie haben Deinem Vater reichlich zugesetzt, ihn eingesperrt und ausgesperrt und abgesetzt. Sie haben manchen Hund auf ihn gehetzt. Pass auf, mein Sohn: Ich hab gestohlen nicht und nicht betrogen. Ich bin nur gern mit Pfeil und Bogen als Freischütz auf die Phrasenjagd gezogen. Und so, mein Sohn, kannst Du den Leuten ruhig in die Augen gucken. Brauchst, wenn sie fragen, nicht zusammenzucken. Ich ließ mir ungern in die Suppe spucken. Das war's, mein Sohn."

Bis in die frühen 1970er Jahre bleibt Werner Finck die Nummer Eins des politischen Kabaretts in Deutschland. In den letzten Jahren vor seinem Tod 1978 zieht er sich zurück. Satire ist für ihn selbst zur Satire geworden. Denn inzwischen rufen die von der Satire Betroffenen nach dem da capo - und nicht mehr nach der Polizei.

Autorin: Catrin Möderler
   
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