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29.8.1924: Büchergilde Gutenberg gegründet
Bruno Dreßler: "'Mit heiteren Augen gehen wir ans Werk.' Der Titel dieses Buches von Mark Twain fasst den Inhalt auf einen Blick zusammen und deutet gleichzeitig auf die Zuversicht unserer Gemeinschaft, dass sie froher Tatkraft voll ihren Weg gehen werde. In vollem Bewusstsein stellen wir ein frohes Werk an die Spitze als ein Zeichen, dass wir den Sinn erheben wollen über die Misere des Alltags und nicht darin versinken; dass wir auch lächeln können über die Unvollkommenheit dieser Welt und über die unserer eigenen Mängel. Dass heitere Kraft uns aus dem Kleinen fließt, und desto ernster und desto tiefer die großen Erscheinungen und Schicksale empfinden und würdigen zu können."

So euphorisch-optimistisch beschrieb am 29. August 1924 der Schriftsetzer, Autor und erste Lektor sowie Gründungsvater der "Büchergilde Gutenberg", Bruno Dreßler, das Selbstverständnis der Büchergilde. Es waren nicht selbstherrliche Verleger, sondern es war die "Basis" des gedruckten Wortes selbst - Schriftsetzer und Buchdrucker - die die Büchergilde ins Leben riefen.

Anspruchsvolle Literatur in anspruchsvoller Aufmachung und Drucktechnik sollte dem lesenden Arbeiter zu erschwinglichen Preisen vermittelt werden. Gute Literatur sollte nicht mehr das Privileg des Bildungsbürgertums sein.

Im Sommer 1924 tagte im Volkshaus zu Leipzig der "Bildungsverband der deutschen Buchdrucker". Punkt Sieben der Tagesordnung befasste sich mit der Gründung einer gewerkschaftlichen Buchgemeinschaft, der "Büchergilde Gutenberg". Das Prinzip der Gründerväter lautete schlicht und einfach: "Das Beste vom Besten!"

Für Arbeiter und kleine Angestellte war das Buch bis dahin ein Luxusartikel. So verstand sich die Büchergilde von Anfang an als Gegenstück zu den privatwirtschaftlichen Buchgemeinschaften, die es bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts gab. Paragraph Acht der Büchergilde-Satzung war ein nahezu revolutionäres Novum im Verlagswesen: "Die üblichen Verlegergewinne werden ausgeschaltet. Sie kommen den Mitgliedern in Form einer besseren Ausstattung der Werke zugute."

Innerhalb des ersten Halbjahres hatte die Büchergilde bereits mehr als 5000 Mitglieder. Ihre erste Veröffentlichung war der Geschichtenband "Mit heiteren Augen" des damals schon weltberühmten Schriftstellers Mark Twain. Der Börsenverband des deutschen Buchhandels wurde zum ersten 'natürlichen' Gegner der neuen Buchgemeinschaft. Er verlor jedoch seine beiden Klagen gegen das Verlagskonzept der gemeinnützigen Büchergilde 1926 und 1928.

Am 2. Mai 1933 kam ein politischer Feind hinzu: Die SA besetzte das Verbandshaus der deutschen Buchdrucker in Berlin und damit auch die Zentrale der gewerkschaftlichen Buchgemeinschaft. Die "Nationalsozialistische Arbeitsfront" übernahm das Unternehmen und führte es unter dem alten Namen im "neuen Geiste" fort. Folgerichtig wurden die meisten Autoren aus dem Programm gestrichen; von den bekanntesten blieb lediglich Jack London verschont. Einen Monat später, im Juni 1933, ging das Personal der alten Büchergilde ins literarische Exil nach Zürich.

Erst am 12. März 1947 kam es unter dem Dach der drei Gewerkschaftsbünde in den Westzonen zur Neugründung der Büchergilde Gutenberg mit Sitz in Frankfurt am Main. Mit Autoren wie Thomas Mann, B. Traven, Hemingway, Kästner und Frisch nahm die Gilde eine starken Aufschwung und erreichte Mitte der 60er Jahre gut 300.000 Mitglieder, ein Höchststand, der bis zum Jahr 2000 auf nur noch 130.000 schrumpfte.

Seit dem Frühjahr 1998 verabschiedete sich der Deutsche Gewerkschaftsbund von seiner Büchergilde: Verlag und Buchhandlungen werden seither privatwirtschaftlich betrieben. Wer ist heute noch Mitglied oder Kunde der Büchergilde Gutenberg?

Hartmut Löschke, Geschäftsführer der Büchergilde in Bonn: "Das sind Menschen zwischen 28 und 50, die neu zur Büchergilde stoßen. Insgesamt würde ich sagen ist die Kundenstruktur etwas älter, und es sind wesentlich mehr Frauen. Und von den Berufen her sind das Ärzte, Lehrer, Anwälte. (...) Es sind nach wie vor auch Gewerkschafter drin, lesende Arbeiter."

Ein Neumitglied, ein 32-jähriger Verlagskaufmann: "Ich schätze die Büchergilde sehr, weil sie für mich mehr ist als eine Bücherverkaufstelle. Man trifft hier auch Menschen, Gleichgesinnte, die ein erhebliches Interesse an Kultur haben. (...) Das ist der Grund, weshalb ich die persönliche Beratung mehr schätze als einen Buch-Supermarkt, um es polemisch auszudrücken."

Autor: Ewald Rose
   
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