Kalenderblatt dw.com
 
26.8.1921: Mord an Erzberger
Eine Unterschrift macht ihn zum meistgehassten Mann im Deutschen Reich. Am 11. November 1918 unterzeichnet Matthias Erzberger als Leiter der deutschen Delegation in Frankreich das Waffenstillstandsabkommen, das den Ersten Weltkrieg beendet.

Drei Jahre später ist er tot - ermordet von Angehörigen eines rechtsradikalen Geheimbundes. Schon einmal verübten Rechte ein Attentat auf Erzberger: Im Januar 1920 wird Erzberger, damals amtierender Finanzminister, von einem ehemaligen Fähnrich durch zwei Revolverschüsse verletzt.

Am 26. August 1921 - Erzberger befindet sich gerade in einem Erholungsurlaub im Schwarzwald - wird er während eines Spaziergangs von zwei ehemaligen Marineoffizieren, Mitglieder der "Organisation Consul" erschossen.

Die Mörder fliehen zunächst ins Ausland, kehren aber später nach Deutschland zurück - die Nationalsozialisten hatten eine Amnestie erlassen für alle Straftaten, die "im Kampf für die nationale Erhebung" verübt wurden. Aber auch schon in der Weimarer Republik empfanden viele den Mord als "nationale Heldentat". Die "Christliche Welt", eine evangelische Zeitung, notierte: "Ungeheuerlich ist es, mit welchem Jubel ungezählte evangelische Christenleute diese Nachricht begrüßt haben. Ungeniert macht sich die Stimmung laut, auf den Straßen, in den Eisenbahnen, in den Familien".

"Erfüllungspolitiker", "Novemberverbrecher" und "Volksverräter, so nannten ihn seine Feinde, und mit dem Mord an Erzberger wollten die Attentäter auch den Staat an sich treffen, denn kaum ein anderer symbolisierte für die Rechten so sehr die verhasste Republik wie Matthias Erzberger.

Erzberger, studierter Staatsrechtler und Nationalökonom, saß seit 1903 für die katholische Zentrumspartei im Reichstag. Dort zog er sich die Feindschaft des national-konservativen Lagers zu, als er während des Ersten Weltkriegs für die Aufnahme von Friedensverhandlungen eintrat.

Dabei war Erzberger anfangs durchaus auch von der nationalen Begeisterung für den Krieg erfasst worden, in einer Denkschrift von 1914 befürwortete er noch weitgehende Annexionen, seit 1917 aber hatte er erkannt, dass der Krieg nicht zu gewinnen sei und trat deshalb zusammen mit Sozialdemokraten und Fortschrittspartei für einen so genannten Verständigungsfrieden ein.

Als der Reichstag am 6. Juli 1917 über neue Kriegskredite debattiert, meldet sich Erzberger zu Wort und lehnt die erneute Bewilligung ab: "Wir stehen auf dem Standpunkt des Verteidigungskrieges und ziehen daraus alle Konsequenzen. Wir streben einen Frieden des Ausgleichs an, einen Frieden, der keine zwangsweise Unterdrückung von Völkern und Grenzteilen bringt. Wenn der Reichstag das der Regierung sagen könnte, so ist das der beste Weg, der zum Frieden führt."

Und polemisch fügt er hinzu, um die 25.000 Alldeutschen, eine rechtsnationale Partei und deren Anhänger, solle man sich gar nicht kümmern, sondern die Leute ruhig verrückt werden lassen. Sanatorien für sie zu bauen, sei viel billiger, als den Krieg noch ein Jahr fortzuführen. Solche Töne waren natürlich für die Rechten und Nationalen unerträglich.

Besonders der Vizekanzler Karl Helfferich, der die Kriegspolitik hauptsächlich mit Aufnahme von Anleihen finanzierte - eine Maßnahme die die Staatsschulden von fünf auf 153 Milliarden Reichsmark ansteigen ließ - vergaß Erzberger diese Attacke niemals. Helfferich begann nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrags eine ungewöhnlich gehässige Polemik gegen Erzberger, den er als "Reichsverderber" titulierte und für den "moralischen Kollaps" Deutschlands zur Verantwortung ziehen wollte.

Den Höhepunkt der rechtsradikale Hetze bildete die polemische Schrift Helfferichs "Fort mit Erzberger", in der er Erzberger, der inzwischen Finanzminister geworden war, der Steuerhinterziehung und des Meineids beschuldigte. Erzberger stellte daraufhin Strafantrag wegen Beleidigung. Helfferich wurde zwar zu einer geringen Geldstrafe verurteilt, auch die Vorwürfe der Steuerhinterziehung und des Meineids konnten nicht aufrechterhalten werden, aber Erzberger war in der Öffentlichkeit diskreditiert.

Freiwillig trat er daraufhin als Finanzminister zurück. Zu seiner Rehabilitierung beantragte er sogar ein Meineidsverfahren gegen sich selbst. Im Juni 1920 wurde er erneut in den Reichstag gewählt, im Herbst 1921 wollte er seine politische Karriere fortsetzen. Doch dazu kam es nicht mehr.

"Die Kugel die mich treffen soll, ist schon gegossen", sagte Erzberger kurz vor seinem Tod ahnungsvoll zu seiner Tochter. Am 26. August 1921 trafen ihn die Kugeln der Mörder.

Autorin: Rachel Gessat
   
Zitat des Tages
    
Zitat des Tages
Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde, als das Risiko zu blühen.
  > Anaïs Nin
> RSS Feed
  > Hilfe
Wie heißt die Hauptstadt der Republik Simbabwe?
  Windhuk
  Lilongwe
  Harare