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17.8.1950: IG Farben werden aufgelöst
Ferencz: "Die deutsche Großindustrie, IG-Farben, Krupp, Flick, Rheinmetall, schuldet den lebenden Zwangsarbeitern etwas, weil man sie zu Tode hat arbeiten lassen. 'Wir waren weniger als Sklaven,' sagte einer der Zwangsarbeiter. 'Sklaven sucht man zu erhalten. Wir waren wie Sandpapier: aufgebraucht, weggeworfen, verbrannt mit dem Müll.' Man hat sich die Zwangsarbeiter zu Tode arbeiten lassen. Das war Teil des Programms 'Vernichtung durch Arbeit'!"

Worte aus dem Munde des US-amerikanischen Anklägers in den Nürnberger Prozessen Benjamin Ferencz. Der Anlass: am 17. August 1950 wurde auf Beschluss der westlichen Alliierten der IG-Farben Konzern aufgelöst.

Die IG-Farbenindustrie Aktiengesellschaft war ein Zusammenschluss acht großer deutscher Chemieunternehmen - unter ihnen Agfa, Bayer, Hoechst und die Badische Anilin- und Sodafabrik, kurz BASF. Diese Firmen hatten sich 1916 während des Ersten Weltkriegs zu einer Interessengemeinschaft zusammen geschlossen, einem Provisorium, aus dem am 25. Dezember 1925 die neue Gesellschaft hervorging und damit das größte Chemieunternehmen der Welt.

Ohne die Hilfe der IG-Farben wäre die nationalsozialistische Kriegsmaschine gar nicht in Gang gekommen: Ob Flugzeuge, Brandbomben, Handgranaten, Maschinengewehre oder Fotopapier - nirgends fehlte das einschlägige Markenzeichen. Der Konzern lieferte 100 Prozent des synthetischen Kautschuks und knapp die Hälfte des synthetischen Benzins - eine vom militärischen Standpunkt unschätzbare Leistung, da Deutschland von ausländischen Zulieferern weitgehend unabhängig blieb.

Das zur Ermordung der europäischen Juden verwendete Zyklon B wurde von einer Firma hergestellt, an der die IG-Farben maßgeblich beteiligt war. Um Treibstoff und künstlichen Gummi herstellen zu können, hatte der Konzern in Auschwitz eine eigene Industrieanlage errichten lassen. 1944 wurden im Buna-Werk etwa 25.000 Zwangsarbeiter ausgebeutet - geliefert von der SS, die dafür pro Häftling und Tag vier Reichsmark von der IG-Farben erhielt.

Die wenigen Überlebenden behielten gesundheitliche und psychische Schäden für ihr ganzes Leben; vor allem jene, an denen die SS im Auftrag der IG-Farben medizinische Versuche durchführen ließ. Eine finanzielle Entschädigung wurde ihnen nach Kriegsende nur selten gewährt. So auch im Fall von Karl Schmidt, der mehrere Anträge auf Wiedergutmachung gestellt hat:

Schmidt: "Ich habe sie beantragt, und das wurde abgelehnt, ja. Ich war selber in der Vivisektion, d.h. als menschliches Versuchsobjekt für die Nazis infiziert worden und war von 140 Mitinfizierten der einzige, der sie überlebt hatte."

Nach Kriegsende werden in den Nürnberger Folgeprozessen unter anderem auch führende Vorstandsmitglieder der IG-Farben angeklagt. Von den wenigen Verurteilten, befinden sich bis 1951 alle wieder auf freiem Fuß. Zuvor hatte der alliierte Kontrollrat noch Ende 1945 das IG-Farben-Vermögen übernommen und dessen Verwaltung den vier Besatzungsmächten übertragen - mit der Maßgabe, Anlagen zur Produktion von Kriegsgütern zu demontieren und bestimmte Werke für Reparationsleistungen zur Verfügung zu stellen.

Am 17. August 1950 wird der Konzern in seine ehemaligen drei Hauptbestandteile Bayer, BASF und Hoechst aufgeteilt. Bereits Ende der 1950er Jahre weisen die drei Unternehmen eine höhere Bilanzsumme aus als die ehemalige IG-Farben. Es kommt zu Entschädigungsklagen ehemaliger jüdischer Zwangsarbeiter. Die IG-Farben in Liquidation zahlt etwa 30 Millionen Mark Entschädigung.

Die nicht-jüdischen Zwangsarbeiter gehen dabei leer aus. Ausgeschlossen bleiben all jene, die in Ostblockstaaten leben. Ein großes Unrecht wie Henry Matthews, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Dachverbandes kritischer Aktionäre, hervorhebt, zumal die IG-Farben als Abwicklungsgesellschaft noch immer besteht - 50 Jahre nach ihrer Auflösung:

Matthews: "Die Firma ist ja entstanden, diese Liquidationsgesellschaft, durch alliierten Beschluss, der den alten IG-Farben-Konzern zerschlagen hat. Der allergrößte Teil des Vermögens der IG-Farben ist nicht in dieser Liquidationsgesellschaft gelandet, sondern in den Nachfolgefirmen. Das sind insbesondere BASF, Bayer und Hoechst. Das sind die Firmen, die wirklich das Vermögen der IG-Farben geerbt haben, die aber juristisch nach bundesdeutschem Recht nicht Rechtsnachfolger der IG-Farben sind."

Und das, obwohl die Aktie der IG-Farben in Liquidation noch heute an der Börse gehandelt wird. Notiert in deutscher Reichsmark.

Autor: Michael Marek
   
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