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28.7.1858: Fingerabdruck hilft bei Fahndung
Es war ärgerlich! Jede Woche zahlte Sir William Herschel als Beamter der englischen Zivilverwaltung in Kalkutta seinen indischen Angestellten Geld aus. Und jede Woche zahlte er an mehr Personen Lohn als er eigentlich beschäftigte. Herschels Problem: Er konnte die Angestellten nicht unterscheiden, schon gar nicht namentlich, aber auch vom Aussehen sahen für ihn alle Inder irgendwie gleich aus.

Herschels Lösung: Jeder seiner Angestellten musste einen Fingerabdruck hinterlassen. Fortan wurde neben der Unterschrift auf dem Lohnzettel auch stets ein Abdruck des Zeige- und Mittelfingers verlangt, der dann verglichen wurde mit dem bereits registrierten Abdruck. Und siehe da, die Identifizierung war eindeutig, wenn auch Herschel eher auf den moralischen Druck setzte als auf den tatsächlichen Vergleich der Abdrücke.

Neu war die Idee des Engländers allerdings nicht. Schon im Persien des 14. Jahrhunderts finden sich auf offiziellen Papieren neben der Unterschrift Fingerabdrücke als Beglaubigungsnachweis. Doch noch wusste niemand, dass der Fingerabdruck der Beweis absoluter Individualität ist. Je mehr Abdrücke William Herschel sammelte, desto mehr kam er zu der Überzeugung, dass sie sich in der Tat als individuelles Identifizierungsmerkmal eigneten.

Der Referatsleiter Hans Joachim Blume vom Erkennungsdienst beim Landeskriminalamt Berlin erklärt, warum: "Es ist bis heute eine Tatsachenbehauptung, die auch noch nicht widerlegt werden konnte, dass jeder Mensch seine eigenen, nicht vererbbaren Fingerabdruckmuster hat, die in allen Einzelheiten individuell sind. Und darüber hinaus, das ist das Besondere, sie bleiben ein Leben lang unverändert, so dass wir jeden Menschen, grundsätzlich auch für jeden, der bislang gelebt hat und jeden der auch zukünftig leben wird, voneinander anhand seiner Fingerabdrücke unterscheiden können."

Diese Tatsachenbehauptung wurde zuerst von Sir Francis Galton aufgestellt. Im Herbst 1880 spannte er ein Netz über eine Eiche in Oxford. Studenten sollten alle Blätter des Baumes einsammeln und ihre Verästelungen aufzeichnen und dann vergleichen. Mühselig, aber erstaunlich: 1,6 Millionen Blätter verlor die Eiche in diesem Herbst und kein Blatt glich dem anderen. Galton zog den Rückschluss auf die Fingerabdruckkartei von William Herschel.

Auch Narben können den einmaligen Fingerabdruck eines jeden Menschen nicht verstümmeln. Die Polizei braucht nämlich nicht den ganzen Abdruck, sondern bereits ein Teil der Bögen, Schleifen oder Wirbel, in die ein Abdruck unterteilt wird, reicht aus zur Identifikation.

Blume: "Ich kann für Berlin sagen, dass wir weit über 3000 Personen anhand ihrer Fingerabdrücke an Tatorten hundertprozentig überführen konnten. Ob sie dann auch Täter der Tat waren, das bleibt dann den Ermittlungsdienststellen vorbehalten. Wir als Erkennungsdienst können nur die Aussage machen, diese Person war mit absoluter Sicherheit Spurenverursacher."

Doch von 1858, als Herschel erstmalig Fingerabdrücke zur Identifikation einsetzte, bis hin zum Mittel für polizeiliche Zwecke vergingen noch Jahrzehnte. Zunächst hielt man am System von Alphonse Bertillion fest. Er nahm Maß an überführten Tätern Länge des Unterarms, der Oberschenkel, Schädelumfang, Haarfarbe, Abstand der Augen voneinander, dass waren seine Kriterien für eine eindeutige Identifikation. Weitere kamen dazu und insgesamt umfassten die so genannten Bertillion Karten 243 Kategorien für eine vermeintlich eindeutige Identifikation.

Ein Justizirrtum machte Schluss damit. Der mutmaßliche Mörder einer Prostituierten war hingerichtet worden. Sein Anwalt kam nach dem Tod seines Mandanten in den Besitz einer Kaffeetasse, die beim Mord auf dem Kopf des Opfers zertrümmert worden war. Auf ihr fanden sich Fingerabdrücke des tatsächlichen Täters.

Äußerlich war der Täter mit dem Hingerichteten identisch, doch die Fingerabdrücke machten deutlich, dass der Hingerichtete es nicht gewesen sein konnte. Zwar wurde der wahre Mörder nie gefasst, doch sorgte der tragische Irrtum für solche Schlagzeilen, dass sich die Identifikation über Fingerabdrücke letztlich durchsetzte.

In Deutschland wurde das Daktyloskopieverfahren, so der wissenschaftliche Name, 1903 erstmals bei der Dresdner Kriminalpolizei eingeführt. Ab 1914 übernahmen dann die meisten anderen Länder der Welt die Lehre von der Fingerschau bei der polizeilichen Ermittlungsarbeit.

Autor: Jens Teschke
   
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