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30.6.1981: "Dallas" in Deutschland
Rinderherden, Öltürme, gläsern-glitzernde Hochhäuser. Der Bildschirm war senkrecht gedrittelt. Kernige Männer mit Stetson-Hüten und US-amerikanisch-künstliche Frauen grinsten den Deutschen an jenem Dienstagabend um 21.45 Uhr in der ARD entgegen.

Fortan war Deutschland mit auf der Liste der 64 Länder, in denen weltweit 300 Millionen Zuschauer einmal in der Woche die Texas-Nibelungen verfolgten. Bis zu 42 Prozent der deutschen Fernsehzuschauer erfreuten sich von nun an der Saga der Ewing-Familie, wurden Zeuge unermesslichen Reichtums und sahen Autos, an deren Motorhaube Long-Horn Rinderhörner festgemacht waren, mit denen wettergegerbte Millionäre zum Ball der Ölbarone fuhren.

Dallas - das war für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" ein Fernsehkurs an Sozial-Darwinismus, für Medienforscher eine moderne Art der griechischen Tragödien mit dem gleichen kathartischen Effekt. Auch die Deutschen durften sich freuen und sich gut fühlen, angesichts der texanischen Machenschaften und Intrigen.

Das spannende Schlechte der Welt

Auch das "Time-Magazine" schrieb damals: "Die Schlechtigkeit, die da pausenlos siegt, schenkt vielen Zuschauern einen schuldfreien Ausbruch aus ihren eigenen schmutzigen Phantasien. Ausleben konnte diese Phantasien von Macht der Mittelpunkt alles Bösen: der älteste Sohn des Ewing Patriarchen, J. R. Ewing. Merkmal: Hämisches Funkeln in den Augen und ein geißbockartiges Lachen."

"Was ich tue ist nicht immer richtig, aber es geschieht im Interesse unserer Familie. Und dass man sich manchmal die Hände schmutzig macht, gehört dazu. Mein Daddy hat die Firma aufgebaut, und ich werde alles tun, um sie zu erhalten." Soweit J. R. Ewing.

Statt des biederen Ekel Alfreds bekam der deutsche Zuschauer nun Ekel-Ami serviert. Nicht umsonst schrieb der Fernsehkritiker der New York Times, eine Folge Dallas mache mindestens drei Jahre Sympathiewerbung für die USA kaputt.

Das Böse ist das Gute

Auch für die US-Amerikaner war Dallas etwas Neues. Es war die Kombination von nachmittäglicher Seifenoper und abendlicher Familienserie à la "Die Waltons". Hatte bislang stets das Gute gesiegt, war plötzlich das Böse das Gute. Lug, Trug, Inzest und Bestechung machten aus Dallas ein Hohelied der Niedertracht: "Es gibt immer Wege etwas verschwinden zu lassen. (...) Was immer es kostet, wen immer sie kaufen müssen, ich stehe dafür ein. Wenn alles gelaufen ist, hätten sie ein Bankguthaben, etwa so groß wie unsere Staatsverschuldung."

So ganz erklären konnten sich trotzdem selbst die Produzenten der Erdöl-Saga den Erfolg der Serie nicht. Ursprünglich waren nur fünf Folgen geplant - dann wurden es insgesamt 356. Auch wenn heute Dallas erschreckend antiquiert wirkt - Mobiltelefone gab's noch nicht und Computer haben den Grob-Charme der 1980er-Jahre, so war das Klischee der Super-Reichen von Anfang an auch in Deutschland ein Riesenerfolg.

Die Kritiker freilich mühten sich redlich, diesen Fernsehfortsetzungsroman mies zu machen. Sie sprachen vom Kaugummi fürs Hirn und beklagten die größte Seifenblase in der Geschichte des Fernsehens. Dennoch: 20 Millionen versammelten sich im Schnitt allein in Deutschland um dienstäglich den Mann zu lieben, den alle hassten.

Schluss mit Böse

Doch am 3. Mai 1991 war Schluss mit Böse. J. R. starb den Fernsehtod, die Quoten in den USA hatten den Produzenten unmissverständlich signalisiert, dass die US-Amerikaner nach einem Jahrzehnt Dallas-müde waren. J. R. - Darsteller Larry Hagmann hatte es in der Zwischenzeit allerdings längst zum mehrfachen Milliardär gebracht.


Autor: Jens Teschke
   
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