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14.6.1966: Vatikan hob "Index" auf
Sie kann wie Seelenbalsam wirken, die lateinische Sprache. Das "Jubilate" von Mozart oder das "Magnificat anima mea" aus der H-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach. Aber es kann auch drohen, dieses Latein; etwa mit jenem über Jahrhunderte gefürchteten, den Geist knebelnden Bücherverbot.

Sein Name: "Index librorum prohibitorum", das im 16. Jahrhundert begründete und mehrfach aktualisierte päpstliche Verzeichnis der ausdrücklich verbotenen Schriften.

Offizielle Begründung: Das durch die göttliche Stiftung der Kirche gegebene Recht, dementsprechend feierlich die durch päpstliche Schreiben bekannt gemachten Bücherverbote, zum Beispiel die Bulle "Exsurge Domine" aus dem Jahr 1519 gegen Martin Luther.

Oder die 1571 gegründete Kongregation des Index. Der historisch wohl bedeutendste Versuch einer Totalkontrolle von Wissenskultur, zugleich Reaktion auf die Erfindung des Buchdrucks und auf die Reformation, durch die die katholische Kirche ihr Sinndeutungsmonopol verlor.

Besonders schwer wog die Sanktion bei Nichteinhaltung des Index, die von selbst eintretende Exkommunikation, also der Ausschluss von den Sakramenten. Die Strafe trat in Kraft beim Lesen verbotener Bücher, beim Verteidigen ihres Inhalts, beim Aufbewahren solcher Schriften, bei ihrer Weitergabe.

Und wovor musste das gläubige Volk geschützt werden? Zunächst vor sogenannter häretischer Lektüre, solcher, die zur Glaubensspaltung verleiten konnte. Vor Astrologie, sie war a priori vom Teufel. Vor, so wörtlich, "lasziver" Literatur. Auch vor solcher, die nicht schon Titel für Titel ausdrücklich verboten war. Die Folge dieser Maßnahmen: Konflikte in vielen Ländern.

Aber sogar Streit innerhalb der römischen Kurie, denn auch dort gab es wache Geister, die die Begleiterscheinungen der "Umsetzung" erkannten, nämlich die massenhafte Vernichtung von Büchern, aus Angst vor Verfolgung. Die wachsende kulturelle Isolierung, den Niedergang der theologisch-kirchlichen Literatur, das Denunziantentum, die Einschüchterung und vorauseilenden Gehorsam von Autoren durch Selbstzensur.

Papst Benedikt XV. löste die Index-Kongregation im Jahr 1917 auf und übertrug ihre Agenden dem Heiligen Offizium. Und diese berüchtigte Behörde wurde im Dezember 1965 - nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil - umbenannt in: "Congregatio pro Doctrina Fidei", Glaubenskongregation. Ihr derzeitiger Chef ist Kardinal Joseph Ratzinger.

Während des Zweiten Vatikanums war es übrigens der Kölner Kardinal Joseph Frings, der in der Konzilsaula das Heilige Offizium heftig kritisierte, was internationales Aufsehen erregte und schließlich den Propräfekten des Heiligen Offiziums, Kardinal Alfredo Ottaviani, zu der Erklärung vor der Presse veranlasste, dass der Index keine rechtliche Geltung mehr habe.

Durch Erlasse der Glaubenskongregation vom 14. Juni und vom 15. November 1966 wurde der Index endgültig außer Kraft gesetzt. Seine jetzige Bewertung durch den Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Rudolf Hammerschmidt:

Hammerschmidt: "Angesichts des heutigen Informationszugangs jedes Einzelnen wäre es völlig unwirksam, wenn die Kirche bestimmte Bücher für ihre Mitglieder verbieten würde. Aus diesem Grund ist es ein ganz normaler Vorgang, dass es diesen Index nicht mehr gibt. Es ist aber (...) nachvollziehbar, dass die Kirche in den Feldern, wo jemand - auch im Auftrag der Kirche - über die Lehre der Kirche schreibt, (...) darauf achtet, dass die Lehre der Kirche erhalten bleibt. Wir haben ja vergleichbare Vorgänge auch im staatlichen Bereich. Es ist zum Beispiel heute niemandem erlaubt, ein Buch zu schreiben, das den Holocaust leugnet. (...) Es gibt eben Grenzen auch in Aussagen über unsere politische Landschaft, die einfach durch Gesetze nicht gedeckt sind und deshalb verboten sind."

Ob dies mit den Verboten der Schriften von Nikolaus Kopernikus vergleichbar ist oder jenen von Jean-Paul Sartre, Emile Zola, ja sogar mit Karl May oder Victor Hugos "Glöckner von Notre Dame", dies lässt sich freilich bezweifeln.

Autor: Gerhard W. Appeltauer
   
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