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6.6.1971: Bundesliga-Skandal
Die Sommerpartie des Offenbacher Südfrüchtehändlers Horst-Gregorio Canellas anlässlich seines 50. Geburtstages am 6. Juni 1971 war von südländisch lockerer Atmosphäre geprägt, bis der Hausherr seinen Gästen plötzlich ein Tonband vorspielte. Unmissverständlich war zu hören, dass in der Schlussphase der Fußballsaison Spielergebnisse manipuliert, dass Spieler bestochen worden waren und folglich der Kampf gegen den Abstieg irregulär verlaufen war.

Horst-Gregorio Canellas, der Präsident der Offenbacher Kickers, deren Abstieg aus der Elite-Liga Tags zuvor besiegelt worden war, bewies: Der Gewinn eines Meistertitels, die Verhinderung des Abstiegs oder die Verbannung in die Zweitklassigkeit waren hier nicht mehr das Ergebnis guten oder laschen Trainings, cleverer oder dümmlicher Taktik, oder unkalkulierbaren Glücks oder Pechs.

Männer, die mit Banknoten gefüllten Koffern durch die Fußball-Lande gereist waren, einzelne Spieler und ganze Mannschaften bestachen und Spielausgänge manipulierten, hatten der Fußball-Bundesliga ihre sportliche Unschuld genommen. Es gab sportliche Verlierer eines schmutzigen Geschäfts, in das nachweisbar umgerechnet 250.000 Euro gebuttert wurden. Auch der Canellas Klub Kickers Offenbach mischte mit. Ihren 2:1-Sieg über den FC Schalke 04 am 22. Mai 1971 in der alten Gelsenkirchener Glückauf-Kampfbahn erkauften sich die Offenbacher mit umgerechnet 50.000 Euro.

Tiefer Bestechungssumpf

Auch deshalb wurde dem Verein die Bundesliga-Lizenz entzogen. Später entlarvte und verbannte man auch noch Arminia Bielefeld. Den Arminen war in der Skandalsaison ihr 1:0-Sieg in Schalke umgerechnet 20.000 Euro wert - vergleichsweise lächerliche 1.130 Euro für jeden Schalker Spieler.

Den größten Verlust erlitt allerdings die Masse der Fußballanhänger. Dass in Wirtschaft und Politik unsaubere Machenschaften praktiziert wurden, daran hatte man sich bereits gewöhnt, nun aber ging die vermeintlich letzte Insel der Reinheit unter, für die viele Fans Woche für Woche Taschengeld und Emotionen hergegeben hatten.

Insgesamt 52 Spieler, darunter sogar zwölf Nationalspieler, sechs Funktionäre und zwei Trainer waren in die Manipulationen verstrickt. Mit 'eisernem Besen' versuchte der so genannte Chefankläger des Deutschen Fußball- Bundes, den Saustall auszumisten. Hans Kindermann verhängte gegen die größten Sünder sogar lebenslange Sperren - was für einen Fußballprofi Berufsverbot und Erwerbslosigkeit bedeutete. Kritische Beobachter des Reinigungsprozesses sahen in der Radikalität, mit der erwischte Sünder durch die interne Sportgerichtsbarkeit bestraft wurden, letztlich sogar den Grund dafür, dass sich die komplette Aufklärung des Skandals viereinhalb Jahre hinzog. Vor allem beim FC Schalke 04 wurde ein Bündnis geschmiedet, dass von der panischen Angst vor der abgründigen Tiefe des Bestechungssumpfs zusammengehalten wurde.

Gras drüber

Erst als sich ordentliche Gerichte mit der Angelegenheit beschäftigten, brach das Lügengebäude in einem spektakulären Meineids-Verfahren vor dem Essener Landgericht zusammen. Anstelle von Haftstrafen, die der Gesetzgeber normalerweise für Meineide vorgesehen hat, wurden die Betrüger und Lügner viereinhalb Jahre nach dem Skandal nur mit Geldbußen belegt.

Zählten am Ende auch die Richter zu jenen Fußball-Freunden, für die Vergeben und Vergessen wichtig ist, damit ihr Vergnügen möglichst ungetrübt bleibt? Wer wollte auch noch etwas von Bestechungen und Skandalen hören, nachdem man inzwischen Deutschlands zweiten Weltmeistertitel 1974 bejubelt hatte?

Deshalb war es nur folgerichtig, Spielern wie Rolf Rüssmann und Klaus Fischer, die sich lange einer Aufklärung des Skandals widersetzt hatten, Jahre später sogar das Nationaltrikot überzustreifen. Es liegt wohl in der Natur des Rasensports Fußball, dass schon nach kurzer Zeit über alles wieder Gras wächst.

Autor: Hanspeter Detmer
   
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