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20.5.1970: Mao Tse Tung stellt sich hinter Pol Pot
Mao Tse Tung: "Die US-Aggressoren können den Krieg in Vietnam nicht gewinnen. Nun haben sie den reaktionären Putsch der Clique um Lon Nol angezettelt, nun haben sie Kambodscha überfallen."

Wir schrieben anno 1970. Mao Tse Tung, Chinas Revolutionsführer, gibt eine Erklärung ab, die auf den ersten Blick nichts Neues preisgibt. Seit 1964 unterstützt China das kommunistische Nordvietnam im Krieg gegen die USA. Nichts Neues diese ideologische Brüderschaft, schon immer hat China entschieden den Kalten Krieg bekämpft. Nichts Neues die militanten Parolen. In knappen Worten gibt Mao auch nichts Neues bekannt als den Putsch am 20. März 1970 in Indochina.

Kambodscha-Experte Heinz Kotte erinnert: "Prinz Sihanouk weigerte sich dagegen, dass die vietnamesische Kriegsführung das Versorgungssystem über Kambodscha legte, dass auf der anderen Seite die US-amerikanische Kriegsführung dieses Versorgungssystem in Westkambodscha bombardierte. Die US-Amerikaner ließen daraufhin kurzerhand Prinz Sihanouk für abgesetzt erklären und setzten Admiral Lon Nol ein, eine perfekte US-amerikanische Marionette. Die US-Amerikaner hatten seit 1970 ein freies Flugfeld und haben in dieser Zeit Kambodscha massiv bombardiert. Es gab Zahlen, da wurden Bomben abgeworfen, von der Sprengkraft her fünfmal die Hiroshima-Bomben."

Dass Chinas Revolutionsführer Mao Tse Tung ausgerechnet dem kambodschanischen König Sihanouk zur Hilfe eilt, hat nichts mit Pekings ideologischer Auflockerung zu tun. Auch verdankt Kambodscha dies nicht Maos Mitgefühl. Der Beistand ist bedingt durch die geänderte internationale Großwetterlage.

Ein Jahr zuvor, 1969, ist es zwischen den ideologischen Großbrüdern, der Sowjetunion und China, zu Grenzkonflikten mit Hunderten von Toten gekommen. Zuweilen erwägt Moskau sogar, Atomwaffen gegen China einzusetzen. Die Zwietracht bringt die Solidarität ideologischer Brüder in Indochina durcheinander.

Heinz Kotte: "1970 brauchte Vietnam dringend die sowjetische Kriegstechnologie gegen die hoch entwickelte US-amerikanische Kriegstechnik; also SAM 22 Raketen brauchte man, um die B52-Bomber zu attackieren. Aber dahinter steckt eine ideologische Annäherung an die Sowjetunion. Nach dem Tod von Ho Chi Min 1969 kam die sowjetische Mannschaft in Vietnam an die Macht. Die Abhängigkeit war sehr intensiv."

Zur Erwiderung der vietnamesisch-sowjetischen Achse sucht Peking in Kambodscha zunächst ebenfalls ideologisch Gleichgesinnte. Die Partisanen der Roten Khmer unter dem Diktator Pol Pot stehen bereit. Aber Peking ist sich seines Sieges in diesem Bruderkampf nicht sicher.

Heinz Kotte: "China konnte mit der Unterstützung Sihanouk international Punkte gewinnen. Sihanouk war der Repräsentant Kambodschas in der westlichen Welt, die nicht hundertprozentig den US-amerikanischen Kurs verfolgte. Die königlichen Streitkräfte sind eher Palastwache und nicht modern ausgerüstet. Die Guerilla der Roten Khmer setzen auf den Guerilla-Krieg, der auch der Vorstellung von der chinesischen Führung entspricht. Der Guerilla-Kriegsführung war erstens nicht zu teuer, zweitens war sie unschlagbar."

Der außenpolitische Gewinn durch Royalist Sihanouk und dessen Kontrolle durch kriegserprobte Rote Khmer haben den Kommunisten Mao Tse Tung überzeugt. China gewährt Sihanouk Asyl und ruft schnell eine Exilregierung der königlichen Majestät in Peking aus.

Ahnungsvoll verweist Mao Tse Tung, der sonst mit Stolz von der imperialistischen Welt isoliert ist, auf das internationale Gewicht seines ideologisch unangenehmen Zöglings:

Mao Tse Tung: "Binnen weniger Wochen haben weltweit über 20 Staaten die Exilregierung unter Prinz Sihanouk anerkannt (...) wohingegen die US-Regierung von Nixon weltweit äußerst isoliert ist."

Förmlich pokert Mao gegen den US-amerikanischen Teufel, ein letztes Mal:

Mao Tse Tung: "Wer in der Welt hat heute Angst vor wem? Es sind nicht das Volk von Vietnam, nicht das Volk von Laos und Kambodscha. (...) Angst haben die US-Imperialisten vor den Völkern dieser Erde."

Doch zwei Jahre später, 1972, nimmt Peking bereits diplomatische Beziehungen zu Washington auf, um ein Gegengewicht gegen Moskau aufzubauen. In Kambodscha ergreifen indessen Roten Khmer unter Diktator Pol Pot die Macht, dessen totalitäres Regime 3,7 Millionen Kambodschaner zum Opfer fallen, derweil Mao Tse-Tung am 20. Mai 1970 in die Welt ruft:

Mao Tse Tung: "Völker dieser Welt, vereinigt euch und schlagt die US-Aggressoren und all ihre Lakaien!"

Autor: Shin Ming
   
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