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9.5.1816: Camera Obscura
Guillaume de Saint-Claude grübelt. Man schreibt das Jahr 1285. Der Astronom hat berechnet, dass sich bald eine Sonnenfinsternis ereignen wird. Ein göttliches Schauspiel, aber wie kann er es studieren ohne sich die Augen zu verbrennen?

Saint-Claude erinnert sich an eine uralte Beobachtung des Aristoteles. Lichtstrahlen, die durch ein kleines Loch fallen, kreuzen sich dort und werfen ein Kopf stehendes, lichtschwaches Bild des Objektes, von dem des Licht ausgeht. Saint-Claude hat seine Lösung. Er schreibt sie nieder:

"Um Beginn, Ende und Ausmaß der Finsternis ohne Gefahr beobachten zu können, sollte man im Dach oder im Fenster eines Hauses eine Öffnung gegenüber jenem Teil den Himmels anbringen, an dem die Finsternis sich ereignen wird. Dem durch diese Öffnung einfallenden Sonnenlicht gegenüber sollte eine ebene Fläche aufgestellt werden, beispielsweise ein Wandschirm. Sodann wird man sehen, dass sich auf dem Schirm ein Lichtstrahl abzeichnet."

Den Begriff für Saint-Claudes Versuchsanordnung kreieren die Künstler der italienischen Renaissance: Camera obscura - dunkler Raum. Der geniale Leonardo da Vinci nutzt sie als Zeichenhilfe. Er zeichnet die Bilder, die durch das kleine Loch auf den Wandschirm geworfen werden, einfach ab. Von jetzt an sind alle Perspektiven und Proportionen perfekt.

Saint-Claudes: "Wenn die Bilder von beleuchteten Gegenständen durch ein kleines rundes Loch in einen sehr dunklen Raum fallen und man sie auf einem Blatt weißen Papiers empfängt, die in dem Raum in einiger Entfernung senkrecht zur Öffnung gehalten wird, dann wird man auf dem Papier alle diese Gegenstände in ihren natürlichen Formen und Farben abgebildet sehen. Sie sind aber verkleinert und umgekehrt, weil sich die Strahlen in der Öffnung schneiden. Kommen diese Bilder von einem Ort, der von der Sonne beschienen wird, dann wirken sie tatsächlich wie gemalt auf diesem Papier, das sehr dünn sein soll und von hinten betrachtet werden muss."

Anfang des 19. Jahrhunderts erobert wieder eine neue Technik die bildende Kunst. Ein Bild wird auf eine Metallplatte geätzt. Diese Metallplatte wird danach mit Stempelfarbe belegt und das Bild auf Papier gedruckt, beliebig oft. Das fasziniert den französischen Erfinder Joseph Niépce.

Aber er will keine gemalten Bilder reproduzieren, sondern gleich die Natur selbst. Die lässt sich ja bekanntlich durch die Camera obscura auf eine Fläche projizieren. Niépce verbindet die Techniken. Er belegt eine Metallplatte mit lichtempfindlichen Chemikalien und bringt sie in eine Camera obscura ein. Die einfallenden Lichtstrahlen brennen darauf den Ausblick aus Niépces Arbeitszimmer in Le Gras ein.

Am 9. Mai 1816 ist die erste Fotografie der Welt entstanden. "Héliographie" - Sonnenzeichnung - nennt Niépce sein Verfahren, das bis heute Nachahmer findet.

Professor Gerd van Rijn: "Wir haben eine Polaroidkassette als Kamerarückteil benutzt und haben davor eine Pappe mit einem Loch, über das wir noch eine Folie drübergeklebt haben und ein sehr feines Loch eingestochen haben, davor gebaut. Und dann konnte man das Foto machen, und man hatte sofort die Ergebnisse vor sich liegen."

Professor Gerd van Rijn unterrichtet Fotografische Bildgestaltung an der Fachhochschule in Köln. Er experimentiert mit seinen Studenten an alten Techniken. Niépces Erfindung hat in ca. 200 Jahren rasante Entwicklungen durchlaufen. Hochleistungsfähige Kameraobjektive bündeln das Licht auf hochempfindliche Kunststoffrollfilme. Die digitale Fotografie ersetzt die Lichtschrift mittlerweile durch elektronische Information. Aber trotz - oder wegen - der modernen Fototechnik, erlebt die Camera Obscura des Joseph Niépce rund 200 Jahre nach ihrer Erfindung eine Renaissance.

Prof. Gerd van Rijn: "Diese Möglichkeit, dass von vorne bis hinten alles eine leidliche Schärfe hat, das bringt ein bisschen etwas Malerisches, und deshalb wird es gerne eingesetzt. In der angewandten Fotografie werden jetzt auch wieder Lochkameras angeboten. Man ist also der digitalen Fotografie vielleicht ein bisschen müde, und das hier ist ja der absolute Gegensatz. Und ich glaube, das macht die Faszination aus."

Autorin: Catrin Möderler
   
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