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28.4.711: Araber drangen in Spanien ein
"Abenámar, Abenámar, Maure aus dem Maurenland, der Tag deiner Geburt wurde von großen Zeichen angekündigt. Das Meer war still und der Mond war fast voll. Ein Maure, der unter diesen Zeichen zur Welt kommt, darf keine Lügen berichten."

Nun, ob das Meer tatsächlich still war in jenen Tagen im April und Mai des Jahres 711 - das wissen wir nicht. Aber wir haben arabische Quellen darüber, dass es Tarik ibn Ziyad, der Gouverneur der Stadt Tanger war, der in jenen Tagen in der Bucht von Algeciras mit rund 8000 Mann anlegte. Zunächst grub er sich rund um den Felsen von Calpe ein und errichtete dort erste Befestigungen - erst später wurde aus diesem Felsen, der Berg des Tarik, der Djabal Tarik, oder besser bekannt als Gibraltar. Erst Wochen später, weitere tausende von überwiegend Berber-Soldaten waren eingetroffen, zog Tarik weiter.

Der erste blutige Zusammenstoß zwischen Arabern und Westgoten ist für den 19. Juli 711 überliefert. Tagelang wüteten die Heere. Erst der Verrat von Teilen der Truppen König Roderichs entschied die Schlacht. Der Weg für Tarik war frei auf Städte wie Cordoba und Sevilla.

Geschichtsprofessor Michael Borgholte von der Humboldt Universität Berlin: "Man muss sich vorstellen, dass der Westgotenstaat praktisch desolat war, es gab fast keinen Widerstand mehr, es gab praktisch einen inneren Zusammenbruch dieses Reiches unter einer relativ schwachen militärischen Aggression von außen so dass wir von Widerständen so weit wir das wissen der christlichen Bevölkerung nichts wissen."

Die Westgoten, die Spanien beherrschten, hatten die Gefahr durch die Araber unterschätzt. Als nun Tarik und seine Truppen von Süden nach Norden marschieren dauert es nur sieben Jahre bis sich die neuen Machthaber etablieren. Der Islam in Europa hat Folgen und Auswirkungen bis heute.

"Für Spanien selbst bedeutet die Invasion, dass Spanien sich weitgehend von Europa abgewendet hat, eine selbstbezogene Geschichte gehabt hat, sowie im Mittelalter als auch in der Neuzeit. Man kann etwas zugespitzt sagen, dass Spanien sich erst mit dem Beitritt zur Europäischen Union Europa zugewandt hat. Das hat etwas mit dieser Auseinandersetzung Christentum, Islam und übrigens auch Judentum zu tun, die Spanien vor eine ganz eigen Problematik gestellt hat. Und das Zweite ist, dass wenn man dieses Phänomen der muslimischen Eroberung in Spanien für die europäische Geschichte bewertet, Spanien war Experimentierfeld für den Zusammenprall aber auch für die Symbiose von drei Kulturen. Drei Kulturen und drei Religionen, nämlich Islam, Christentum und Judentum."

Der Prozess der kulturellen Befruchtung begann schon im 11. Jahrhundert vor allem in Toldeo. Hier waren viele jüdische Gelehrte tätig die durch ihre sprachliche Kompetenz arabische und auch griechische Überlieferung ins Lateinische übersetzen konnten. Andererseits kamen durch die Attraktion von Toledo einzelne Gelehrte aus England, aus Frankreich und aus Deutschland um hier die antiken Überlieferungen , die es nur hier gab, zu studieren. Doch ab dem 9. Jahrhundert nehmen die Spannungen zu. Teile Spaniens werden von den Christen bereits wiedererobert. Es kommt zu grausamen Christenverfolgungen und Judenpogromen, wie etwa 1066 als in Granada 1500 jüdische Familien ermordet werden.

Die uneingeschränkte Macht der Mauren dauert zwar nur bis zum Jahr 718, doch es dauert bis 732 bis die Nachfolger Tariks, der Islam seine entscheidende Niederlage erleidet. Bis nach Poitiers sind sie damals eingedrungen also jenseits der Pyrenäen, das ist zu weit! Unter den Schlägen von Karl Martell, dem Streithammer wird Gallien für Europa gerettet. Stück für Stück wird ab dem Sieg in Poitiers die Rückeroberung, die Reconquista eingeleitet.

Professor Michael Borgholte: "Man muss sich diesen Prozess als einen sehr schwierigen vorstellen, die muslimische Bevölkerung hat bei ihrem Rückzug das Land entblößt, das heißt es war entvölkert. Und jeder Vorstoß der Christen von 718 bis 1493 hat bedeutet, das die von den Muslimen aufgegebenen Gebiete erst wieder kolonialisiert werden mussten. Die christliche Bevölkerung musste erst nachrücken, das heißt Spanien war im ganzen Mittelalter sehr schwach besiedelt, weil dieses sehr große Reich eben was ganze Regionen angeht entvölkert gewesen ist und dieser Prozess der Wieder-Eroberung, der Reconquista und der Wiederbesiedelung stand in einem Wechselverhältnis. Das heißt ein neuer Vorstoß konnte erst dann geschehen wenn dieses Vakuum ausgefüllt war, deswegen hat es auch so lange gedauert."

1493 sind die Mauren endgültig besiegt. Was folgt ist eine radikale Katholisierung des Landes. Vorbei ist das Neben- und Miteinander der Kulturen und Religionen. Bereits 1492 beginnt der Exodus der Juden in die Nachbarländer. Königin Isabella und König Ferdinand zwingen sie Spanien zu verlassen.

Und heute? Spanien ist wegen seiner geschichtlichen Vergangenheit und seiner geografischen Lage die Brücke in der Europäischen Union zu Nordafrika. Eine Brücke, die aber von vielen gefürchtet wird. Denn der Strom der illegalen Einwanderer aus dem Süden nimmt stetig zu. Für viele ist das die Invasion der Armen im 21. Jahrhundert - 1300 Jahre nach jenen Tagen im April und Mai des Jahres 711.

Autor: Jens Teschke
   
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