Kalenderblatt dw.com
 
23.4.1893: Eröffnung des "Maxim's"
Audio
Wenn ein Komponist ein Restaurant in einer Operette verewigt, muss es etwas ganz besonderes sein. Das Maxim's in Paris, in das Franz Lehar seinen Grafen Danilo schickt, ist es allemal. Seit seiner Eröffnung im Jahr 1893 trifft sich dort die große Gesellschaft von Paris. Oder das, was sich dafür hält.

Überhaupt lebt das Maxim's vom schönen Schein. So ist der Gründer Maxim Gaillard auch kein Gastronom oder reicher Investor. Er ist Kellner mit ein paar Ersparnissen. Ein Zufall bringt ihn auf die Idee, sich selbständig zu machen. In der Rue Royale Nr. 3 ist ein Eissalon in Konkurs gegangen. Die Adresse ist erstklassig, im Herzen von Paris nahe der Place de la Concorde. Gaillard greift zu und tauft sein neues Restaurant auf seinen eigenen Namen: Maxim's.

Im Paris der Belle Epoque brodelt das Leben. Der liberale Geist der Dritten Republik mischt sich mit der Eleganz des letzten Kaiserreiches. Was chic ist in Europa, diktiert nach wie vor Ex-Kaiserin Eugenie. Besonders zur Rennsaison im Frühjahr treffen sich die Schönen und Reichen in Paris, und die neue In-Adresse heißt Maxim's.

Hier macht Paris seinem Ruf als Hauptstatt der Sinnlichkeit alle Ehre. Die "Cocottes" umgarnen die reichen Kavalliere. Die schönen Damen gehen auf der Jagd nach Profit reichlich freizügig mit ihren Reizen um. Besonders gut zahlende Herren runden im Maxim's ihr Souper mit einem besonderen Nachtisch ab: Sahnehäubchen, serviert auf einer unbekleideten Schönen.

Eine Dame, der an ihrem Ruf gelegen ist, darf das Maxim's darum niemals ohne Begleitung ihres Vaters oder Ehemannes betreten. Immerhin sorgen die exorbitanten Preise dafür, dass unter den männlichen Besuchern des Maxim's nur Angehörige der höchsten Kreise zu finden sind. Kronprinz Eduard von England, Sohn der langlebigen Queen Victoria, überbrückt hier die nicht enden wollende Wartezeit bis zur Thronbesteigung. Am liebsten trinkt er am berühmten Tisch Nr. 16, dem Königstisch, Champagner aus den Stöckelschuhen seiner Begleiterinnen.

Maitre d'Hotel Msr. Claude: "Bonsoir Madame, bonsoir Monsieur. Seutez-vous une apperetive? Une coup de champagne ou un Kir royale ou un Porto ou un whisky?"

Die Floskel, mit der der Chefkellner neue Gäste begrüßt, hat sich in über 100 Jahren nicht verändert, ebensowenig wie die üppige Jugendstilausstattung mit den gemalten Nymphen und den roten Samtsofas. Auch heute noch geht zu Maxim's, wer dazugehören möchte, aber so richtig doch nicht dazugehört. Roger Peyrefitte formuliert es in einem seiner Romane:

"Paris ist eine Hure. Bei Maxim's verkehren Leute, die nicht zu Tout-Paris gehören, und zu Tout-Paris gehören Leute, die nicht bei Maxim's verkehren. Und vor allem: Es gibt mehrere Tout-Paris, die ihre Treffpunkte haben wie das Maxim's. Und ein anderes Tout-Paris, das nirgendwo hingeht. Jeder, der zu einem dieser Tout-Paris gehört, glaubt, seins sei das richtige. Und das am wenigsten richtige ist immer jenes, über das gerade am meisten geredet wird."

Das Maxim's der Nachkriegszeit hat auf seiner Gästeliste Namen wie Aristoteles Onassis, Maria Callas und Salvator Dali. Heute zeigen sich hin und wieder Mitglieder der monegassischen Fürstenfamilie dort. Der Abglanz der großen Welt reicht für das Maxim's allerdings schon lange nicht mehr zum Überleben. Haupteinnahmequelle sind heutzutage zahlungskräftige Touristen.

Seit 1981 gehört das Restaurant zum Imperium des Modeschöpfers Pierre Cardin. Der hat den berühmten Maxim's-Schriftzug in den goldenen Jugendstil-Lettern an verschiedene Lizenznehmer verkauft. Seither ziert er ein Parfum, eine Champagnermarke und eine Eiscremesorte. Im Restaurant feuert kein Orchester mehr zum Can-Can an. Eine Mini-Combo intoniert Amerikanisches.

Auch wenn das Maxim's in dem Restaurantführer, der die begehrten Sterne vergibt, nicht einmal erwähnt wird - die Küche gilt als erstklassig. Spezialität des Hauses ist junger Steinbutt in Senfsauce. Fürstlich allemal sind die Preise. Für etwa 1000 Franc kann sich der betuchte Tourist die Illusion erkaufen, wenigstens eine Mahlzeit lang der großen Welt ganz nahe gewesen zu sein.

Autorin: Catrin Möderler
   
Audio
Zitat des Tages
    
Zitat des Tages
Jedes Ding wird mit mehr Genuss erjagt als genossen.
  > William Shakespeare
> RSS Feed
  > Hilfe
Welchen Nobelpreis erhielt Albert Schweitzer?
  Friedensnobelpreis
  Nobelpreis für Medizin
  Nobelpreis für Literatur