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14.4.1989: Aus für den "Vorwärts"
Wenn ein Unternehmen Verluste einfährt, dann dauert es meist nicht lange, bis es umstrukturiert oder sogar eingestellt wird. Der "Vorwärts", das Traditionsblatt der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, schreibt seit Jahren rote Zahlen; nachdem er 1988 aber gar mit 4,5 Millionen D-Mark in die Miesen geraten ist, beschließt der Vorstand der SPD, das Blatt einzustellen und den Namen für ein neues Mitgliedermagazin der Partei zu reservieren, das in Form und Inhalt nichts mehr gemein hat mit dem politischen Wochenmagazin.

Und genau das ist so manchem im Parteivorstand ganz recht, denn man wird nicht nur ein finanzielles "Fass ohne Boden" los, sondern auch eine unbequeme Stimme, wie Gode Japs meint, stellvertretender Chefredakteur zur Zeit der Schließung.

Gode Japs: "Viele waren froh in der Spitze der SPD, dass man das Blatt dichtmachen konnte, denn die Redakteure waren mit ihren Artikeln häufig manchem Politiker auf die Füße getreten. Sie hatten eine kritische Distanz zur SPD und waren in erster Linie Journalisten und nicht Parteileute."

Solche Konflikte hat es in der über 100-jährigen Geschichte der Zeitung immer wieder gegeben, deren Name wohl entlehnt ist von jenem Pariser Emigrantenblatt, in dem einst Heinrich Heine schrieb und auch Karl Marx einen Beitrag veröffentlichte. War dieses Blatt noch überwiegend unpolitisch, so ist der "Vorwärts", der 1876 in Leipzig das Licht der Öffentlichkeit erblickt, das Einheitsorgan der Vereinigung von "Allgemeinem Deutschen Arbeiterverein" und "Sozialdemokratischer Arbeiterpartei". Und es bedarf großen Geschicks von Seiten seiner Chefredakteure Liebknecht und Hasenclever, die unterschiedlichen Strömungen gegeneinander auszutarieren.

Das Sozialistengesetz verhindert das Erscheinen auch des "Vorwärts", zwölf Jahre später macht die Partei das "Berliner Volksblatt" zum neuen "Vorwärts", der rasch an Popularität gewann, aber wegen seiner Doppelrolle als Zentralorgan und Lokalblatt auch immer wieder in Schwierigkeiten gerät. Die Partei mischt sich immer massiver in die Richtungskämpfe in der Zeitung ein, und der "Vorwärts" wird schließlich auch ein Opfer der Spaltung in der Arbeiterbewegung.

Erst als diese überwunden ist, blüht die Zeitung auf: 1922 erscheint sie zweimal täglich mit einer Auflage von 300.000 Exemplaren. Elf Jahre später ist es vorbei: Hitler schaltet die Presse gleich und der "Vorwärts" wird geschlossen. Als "Neuer Vorwärts" kommt er im Prager und dann im Pariser Exil heraus, schließlich hat auch das ein Ende.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der "Vorwärts" wiedereröffnet. Aber er schafft es nicht, an die große Vergangenheit anzuknüpfen. So wie auch die Versuche scheitern, sozialdemokratische Lokalzeitungen wieder zu dem zu machen, was sie einst waren. Die Voraussetzungen haben sich geändert, aber die SPD hat wohl auch keine glückliche Hand.

Gode Japs: "Ich würde sagen, Parteipresse ist heute unzeitgemäß. Man kann allenfalls ein Blatt machen, das direkt an die Mitglieder geht - wie es etwa der Bayernkurier macht bei der CSU in Bayern oder wie es der heutige Vorwärts macht als monatliches Mitgliedermagazin. Aber die Fehler der SPD, die lagen natürlich in erster Linie darin, dass sie nicht das Management hatte, ihre Blätter aufrechtzuerhalten, und sie machte zum Teil auch einen Journalismus, der von vorgestern war."

Die Zeitungen schließen, ihre Druckereien drucken nicht selten die Blätter der bisherigen Konkurrenz. Auch die Auflage des "Vorwärts" sinkt immer weiter und selbst Parteimitglieder kaufen ihn kaum. Im Ausland aber genießt die Zeitung einiges Ansehen. Besonders in der Sowjetunion, wo man offenbar nicht versteht, dass der "Vorwärts" eben nicht die Meinung der damaligen SPD-Regierung widerspiegelt. So zielt einer der Rettungsversuche darauf ab, den "Vorwärts" auf Russisch in der Sowjetunion herauszubringen. In Moskau, wo inzwischen von Glasnost gesprochen wird, ist man interessiert, aber über eine Nullnummer kommt man nicht hinaus.

Es bleiben die roten Zahlen, und die Partei entschließt sich, den "Vorwärts" zu schließen. 113 Jahre Zeitungsgeschichte gehen zu Ende. Eine Geschichte mit vielen Turbulenzen, aber auch zahlreichen Höhen. Mit dem "Vorwärts" stirbt aber auch noch etwas anderes:

Gode Japs: "Sicherlich ist hier viel kaputt gemacht worden. Das war ein lebhaftes Blatt. Und die Leser haben mit den Redakteuren diskutiert, und die haben untereinander diskutiert - über die Grenzen der einzelnen Bezirke hinaus - hier ist sicherlich ein Stück Kultur - Parteikultur - kaputtgegangen. Aber es lag natürlich auch an den möglichen Abonnenten: Sie wollten dieses Blatt nicht mehr, und dann war es die einzig richtige Schlussfolgerung, weil man nicht genügend Geld hatte, das Blatt dichtzumachen."

Autor: Peter Philipp
   
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