Kalenderblatt dw.com
 
10.4.1975: Libanon vor dem Bürgerkrieg
Eigentlich wird immer auf den 13. April als dem ersten Tag des libanesischen Bürgerkrieges verwiesen, weil sich an diesem Tag zwei schwere Zwischenfälle in Beirut ereignen und die libanesische Hauptstadt und dann das ganze Land unaufhaltsam in den Bürgerkrieg gerät. Da Bürgerkriege aber meist nicht mit einem klar definierbaren Ereignis - wie einer Kriegserklärung oder einer Invasion - beginnen, kann man auch hier keine genauen Daten fest machen.

Außer diesen: 30.000 Tote, mindestens 60.000 Verletzte und weit über eine halbe Mio. Vertriebene. Das ist die Bilanz, die man im Libanon zieht, als man im September 1976 den Bürgerkrieg nach eineinhalbjähriger Dauer offiziell für beendet erklärt.

Weit mehr steckt hinter diesen kalten Zahlen. Zum Beispiel, dass die Wirtschaft des einst blühenden Landes kaputt gegangen und das einstige Vorbild der arabischen Welt hinter die meisten anderen arabischen Staaten zurückgefallen ist. Auch, dass der "offizielle" Bürgerkrieg ja nur der Auftakt war und die kriegerischen Auseinandersetzungen, auf jeden Fall aber die Probleme des Libanon, sich auf die eine oder andere Weise bis heute fortsetzen.

Hintergrund

Schon im Januar 1975 kommt es zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen christlichen und muslimischen Milizen sowie deren palästinensischen Verbündeten und die Spannungen steigen langsam an, bis hin zur offenen Eskalation Anfang April.

Der Hintergrund ist alt: Bereits 1958 wurde das Land in einen Bürgerkrieg gestürzt, als vor allem sunnitisch-muslimische Gruppen und Drusen sich der panarabischen Bewegung des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser anschließen wollen, die wenige Monate zuvor den Zusammenschluss von Ägypten und Syrien gebracht hatte. Nur mit der Landung US-amerikanischer Truppen kann die Machtübernahme durch die Moslems verhindert werden und die Zerstörung des diffizilen "Nationalpaktes", der den verschiedenen Volks- und Religionsgruppen im Libanon ihre bestimmten Rollen zuweist - und den Christen eine Vormachtstellung einräumt.

Jahrelang wird der innerlibanesische Machtkampf unterdrückt. Gleichzeitig wachsen die palästinensischen Flüchtlingslager besonders um Beirut herum an und verbünden sich Palästinenser und libanesisch-muslimische Gruppen. Die inzwischen aktive PLO beginnt, Angriffe von libanesischem Territorium aus gegen Israel durchzuführen - darunter vor allem Terroranschläge auf Zivilisten - und Israel schlägt zurück: Libanesische Orte werden bombardiert und selbst Beirut ist vor der israelischen Vergeltung nicht sicher.

Auseinandersetzungen und Zwischenfälle

Die Spannungen zwischen den Christen und der PLO steigen: Besonders die maronitische "Kata'eb" unter der Führung ihres Chefs Pierre Gemayel sieht ihre Vormachtstellung wieder einmal gefährdet und fürchtet, dass "ihr" Libanon immer schneller in die militärischen Auseinandersetzungen des Nahen Osten hineingezogen wird, aus dem er sich seit 1948 hatte heraushalten können.

Es kommt zu Reibereien und Auseinandersetzungen: Kasernen der libanesischen Armee werden von PLO-Gruppen angegriffen, Palästinenser im Libanon mehr schikaniert als bisher, die Fahrt in den Süden - in die Nähe der Grenze mit Israel - wird von der Armee immer mehr kontrolliert. Aber dennoch kommt es zu weiteren Zwischenfällen an der Grenze. Und in der südlibanesischen Hafenstadt Saida kommt es zu heftigen Zusammenstößen zwischen der Armee und sunnitischen Gruppen, erst recht, als einer ihrer Führer, Maruf Sa'ad, im März den Verletzungen erliegt, die er beim Durchgreifen der Armee erlitten hat.

Tickende Zeitbombe

In Beirut tickt eine Zeitbombe. Hier hat die PLO sich inzwischen etabliert und kontrolliert vor allem den Stadtteil Fakhany, in dem Yasser Arafat sein Hauptquartier unterhält. Die Vorbereitungen für die Auseinandersetzung sind am 10. April in vollem Gange. Drei Tage später werden mehrere Leibwächter von Pierre Gemayel von Unbekannten am Eingang einer Kirche im christlichen Stadtteil Ein Rumaneh erschossen, während ihr Chef am Gottesdienst teilnimmt.

Obwohl es bis heute keinen Beweis dafür gibt, heißt es sofort, die Schützen seien Palästinenser gewesen, und die Rache ist grausam: Wenig später befindet sich ein Bus mit Palästinensern auf dem Weg zu einer PLO-Feier im Flüchtlingslager Tel a-Saatar. In Ein Rumaneh wird der Bus von bewaffneten Kata'eb Anhängern gestoppt und alle Insassen erschossen.

Offener Kampf

Von diesem Moment an entbrennt der offene Kampf in weiten Teilen des Libanon. Er kommt erst zum Abflauen, als im September 1976 syrische Truppen mit dem Mandat einmarschieren, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Dies gelingt nur teilweise. Die Syrer werden selbst in Kämpfe verwickelt, schließlich kommt es Jahre später zum israelischen Einmarsch und der Vertreibung der PLO.

Im Oktober 1990 endete zwar der Bürgerkrieg, Frieden aber hat der Libanon seitdem nicht wirklich erlangt. Immer wieder ist er Opfer innerer Auseinandersetzungen oder äußerer Einmischung geworden.


Autor: Peter Philipp
   
Zitat des Tages
    
Zitat des Tages
Es gehört zu den vielen Merkwürdigkeiten des Lebens, dass der Mensch um so bissiger wird, je weniger Zähne er hat.
  > Stefan Heym
> RSS Feed
  > Hilfe
Wer ernannte Adolf Hitler zum Reichskanzler?
  Paul von Hindenburg
  Ernst Thälmann
  Friedrich Ebert