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7.4.1958: Erster Ostermarsch
Es sind die kältesten Osterfeiertage in Großbritannien seit fast 60 Jahren. Doch das winterliche Wetter hält eine Gruppe von über 1.000 Menschen nicht davon ab, am 7. April 1958 von London zur Atomforschungsanlage Aldermaston zu gehen - immerhin eine Strecke von rund 80 Kilometern, die als erster Ostermarsch in die Geschichte eingehen wird.

Manche Einwohner der an der Marschroute gelegenen Orte begleiten die Marschierer und versorgen sie mit Lebensmitteln, Decken und Regenschirmen. Die Demonstrierenden wollen mit der überparteilichen britischen 'Campaign for Nuclear Disarmament' erreichen, dass radioaktive Waffen weder getestet noch hergestellt noch gelagert werden.

Ihre Forderungen sind unpopulär, herrscht doch 1958 ungebrochen der Glauben an das Nachkriegs-Wirtschaftswunder.

Aufruf zum Wachrütteln

Doch überall in Europa erheben sich Stimmen, die jede atomare Technologie ablehnen - zu ihnen gehört auch Albert Schweitzer, der Friedensnobelpreisträger von 1952. Er formuliert die Angst der Menschen vor der neuen Art der Kriegsführung: "Die Gefahr der Radioaktivität wird den Völkern immer bewusster, und die neue, hoch gepriesene sogenannte 'saubere' Wasserstoffbombe ist nur relativ 'sauber', so 'sauber' wie die Bombe von Hiroschima. (...) Wenn von nuklearen Waffen gesprochen wird, kann keine Nation zu ihrem Gegner sagen: 'nun müssen die Waffen entscheiden' - sondern: 'wir werden jetzt gemeinsam durch gegenseitige Vernichtung Selbstmord begehen'."

Albert Schweitzer gehört neben Lord Bertrand Russell zu den prominentesten Gegnern von Nuklearwaffen. Bereits 1955 hatten sie mit dem berühmten Russell-Einstein-Manifest versucht, die Weltöffentlichkeit vor einer möglichen nuklearen Katastrophe zu warnen.

Gegen das "Gleichgewicht des Schreckens"

Der erste Ostermarsch nach Aldermaston begründet eine Tradition, die sich rasch auf dem europäischen Festland fortsetzt.

Gewerkschaften, SPD- und einige FDP-Fraktionen wollen in den Landtagen eine Volksbefragung zur atomaren Bewaffnung der Bundeswehr erreichen, was vom Bundesverfassungsgericht jedoch abgeschmettert wird mit der Begründung, Landesverteidigung sei keine Ländersache und durch solche Abstimmungen werde unzulässiger Druck auf die zentralstaatlichen Entscheidungsinstanzen ausgeübt.

Die Befürworter der Atomrüstung dagegen setzen ihren Kurs unbeirrt fort. Der damalige NATO-Generalsekretär Paul-Henri Spaak sprach sich in Bonn dafür aus, dass alle Mitgliedsstaaten des westlichen Militärpakts - auch die Bundesrepublik - mit den modernsten, und zwar den atomaren Waffen, ausgerüstet werden. Die USA beginnen am 28. April ungeachtet des sowjetischen Teststopps eine neue Atomversuchsserie im Pazifik - ein weiterer Zug in Richtung nukleares Patt, dem sogenannten "Gleichgewicht des Schreckens".

Massenbewegung für den Frieden

1960 findet der erste bundesdeutsche Ostermarsch statt, aufgerufen von einer kleinen Gruppe religiös motivierter Pazifisten, die sich innerhalb der Hamburger Gruppe des "Verbands der Kriegsdienstverweigerer" zu einem "Aktionskreis für Gewaltlosigkeit" zusammengeschlossen hatte. Die Gruppe wächst und wird zur Massenbewegung.

Von 1960 bis 1968 steigt die Zahl der Teilnehmenden an den Ostermärschen von 1.000 auf 300.000; die Zahl der Unterschriften unter die jährlichen Ostermarsch-Aufrufe steigt von 230 auf 15.000. Es unterschreiben Geistliche und Theologen, Pädagogen, Gewerkschaftsfunktionäre, Vertreter von Jugend- und Studentenorganisationen, Künstler, Schriftsteller und Publizisten sowie Hochschullehrer und Wissenschaftler.

Die SPD ist inzwischen nicht mehr Teil der Friedensbewegung, denn 1960 befürwortet sie eine allgemeine Wehrpflicht. Damit steht sie auf dem Boden der NATO und verliert jene Position, die als letzte Bastion des sozialdemokratischen Pazifismus beziehungsweise Antimilitarismus gilt. Orientierungslosigkeit ist die Folge, es findet aber auch eine Umgruppierung der linksoppositionellen Kräfte statt, die sich während der Großen Koalition zur Schüler- und Studentenbewegung ausprägt.

"Die Radioaktivität arbeitet in uns Tag und Nacht"

Kristallisationspunkte des Protestes sind die Notstandsgesetze und der Vietnamkrieg. Dabei fungiert die Ostermarsch-Bewegung sozusagen als Geburtshelferin und Ziehmutter der APO, der 'Außerparlamentarischen Opposition', und löst sich in den verschiedenen Bewegungen auf, obwohl sie formal weiter existiert.

Eine Wiedergeburt als große Friedensbewegung erlebt der Ostermarsch erst durch den NATO-Doppelbeschluss von 1979 und die anschließende Debatte über die Nachrüstung. Aber mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall des Ostblocks lässt das Interesse an den Ostermärschen wieder erheblich nach. Blickt man auf diese Friedensinitiative zurück, zeigt sich der unerfüllt gebliebene Wunsch der Menschheit, das 20. Jahrhundert ohne atomares Damoklesschwert erleben zu wollen.

Auch im neuen Jahrtausend ist das Anliegen der Ostermarschierer immer noch aktuell, denn Atomwaffen gibt es immer noch. Deshalb sind Albert Schweitzers Worte noch immer aktuell: "Die Radioaktivität arbeitet in uns Tag und Nacht - jahrelang. Das Strontium 90 in unseren Knochen verursacht meist tödliche Blutkrankheiten. Die schlimmen Konsequenzen machen sich nach Generationen bemerkbar, wenn eine immer mehr zunehmende Anzahl von geistig und körperlich verunstalteten Kindern geboren wird."


Autorin: Sabine Ochaba / Bearbeitung: Manfred Böhm
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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