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15.2.1989: Abzug aus Afghanistan
Die Brücke über den Oxus ist lang und nur einspurig zu befahren: Aber ohnehin wollen die Lastwagen und Panzerfahrzeuge den nördlichen Grenzfluss Afghanistans alle nur in Richtung Norden überqueren - nach Uzbekistan, in die Sowjetunion zurück. Von wo sie gekommen waren und Truppen, Waffen und Nachschub nach Afghanistan gebracht hatten; ein Land, das unter der sowjetischen Besatzung zum Protektorat verkommen ist.

Die letzten sowjetischen Soldaten verlassen das Land am Hindukusch zehn Jahre, nachdem sie dort einmarschiert waren, um ein Regime zu stützen und unterstützen, das angeblich um sowjetische Hilfe gebeten hatte. Sie sollten in diesem Land ihr Vietnam erleben: Ein jahrelanger Widerstandskampf der Afghanen war nicht niederzuschlagen, die Verluste auf sowjetischer Seite gingen in die Tausende und nun muss auch die Weltmacht Sowjetunion ihre Truppen abziehen, ohne auch nur wenigstens symbolisch einen Sieg für sich reklamieren zu können: Die sowjetischen Truppen, vor denen der Westen so lange Angst gehabt hatte, wurden geschlagen und vertrieben von einem Heer mittelalterlich anmutender Kämpfer.

Andere Kämpfer hatte dieses Land nie gekannt: Verschiedene Stämme bestimmten und bestimmen das Land, das schon früh Interesse und Begehrlichkeit von Briten und Russen gleichermaßen erweckt hatte. Die einen standen in Indien, die anderen waren Nachbarn im Norden. Und obwohl Afghanistan in der Vergangenheit nie unter die direkte Kontrolle fremder Mächte geraten war - es war doch immer abhängig von deren Politik.

In Kabul hatte sich ein König etabliert, dessen Macht freilich kaum über die Stadtgrenzen hinaus reichte - nach dem afghanischen Spruch: "Unter jedem Baum ein König". Kein Herrscher Afghanistans, der nicht ermordet, abgesetzt und hingerichtet oder aber vertrieben worden wäre. Die Gründe lagen meist in ethnischen Auseinandersetzungen, vor allem über die Frage der Paschtunen, der größten Volksgruppe des Landes. Aber das Ausland spielte auch immer in irgendeiner Weise mit: Afghanistan war eines der ersten Länder gewesen, die die Sowjetunion anerkannten, es manövrierte zwischen Briten und Achsenmächten, und jeder Putsch in Kabul gab dem Ausland neue Möglichkeit, seinen Einfluss spielen zu lassen.

Am 17. Juli 1973 putschten linke Offiziere und schafften mit der Verfassung von 1964 auch gleich das Königreich ab. In der Folge begannen aber auch die Linken, untereinander zu kämpfen, und dies spitzte sich 1979 zu: Im Februar wurde in Kabul der US-amerikanische Botschafter ermordet, im September der Präsident des Revolutionsrates, Taraki, und Nachfolger Amin versuchte, sich wieder an die USA und Pakistan anzunähern. Am Weihnachtsabend 1979 setzte Moskau seine Truppen in Marsch und setzte in Kabul ein Marionetten-Regime unter Babrak Karmal ein, der zuvor als Botschafter in der Sowjetunion gedient hatte.

Der Widerstand setzte bald ein: Schon 1980 formierten sich die wichtigsten Gruppen als "Mujaheddin" und begannen - von Pakistan aus und auch innerhalb Afghanistans - ihren Kampf gegen die 100.000 Mann starken sowjetischen Besatzer. Die Front der Mujaheddin war geeint nur in ihrer Ablehnung der Sowjets und selbst in Kabul dauerte der Machtkampf an: Fast sechs Jahre nach Ausbruch der Kämpfe wurde Babrak Karmal abgesetzt und durch den Geheimdienstchef Najibullah abgelöst. Dieser bemühte sich wenigstens oberflächlich um eine Versöhnung der verfeindeten Gruppen, der Krieg aber dauerte an und er wendete sich zu Gunsten der Mujaheddin, als die USA diesen massiv mit modernen Luftabwehrgeschützen und anderen modernen Waffen halfen.

Washington bedachte nicht, dass es hier Leute unterstützte, die sich später als seine Feinde erweisen sollten - unter ihnen ein Freiwilligen-Heer aus der arabischen Welt; auch Osama Bin Laden gehörte damals zu den Nutznießern der US-amerikanischen Afghanistan-Politik. Was allein zählte, das war die Entschlossenheit, gegen die Sowjets zu kämpfen.

Das System hatte Erfolg: Die sowjetischen Soldaten hatten längst jede Motivation verloren; die offizielle afghanische Armee war auf ein Fünftel ihrer früheren Stärke zusammengeschrumpft. Der Rest war geflohen: Entweder zur Gegenseite oder ins benachbarte Ausland, wo sich in Pakistan und vor allem im Iran über drei Millionen afghanischer Flüchtlinge versammelten.

Über die Jahre wurden in Genf Verhandlungen zwischen den Außenministern Afghanistans und Pakistans geführt, die schließlich im April 1988 die Unterzeichnung eines Friedensabkommens brachten. Dieses sah das Ende der Unterstützung für die Mujaheddin vor wie auch den sowjetischen Abzug.

Der Abzug begann im Sommer 1988 und war am 15. Februar 1989 abgeschlossen. Die Kämpfe aber gingen weiter: Erst vertrieben die Mujaheddin das Regime Najubullahs, dann brachen Kämpfe unter den Mujaheddin aus, und schließlich begannen von Pakistan und anfangs auch den USA unterstützte islamistische Fanatiker, die Taleban, das Land unter ihre Kontrolle zu bringen.

Autor: Peter Philipp
   
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