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21.1.1924: Lenin tot
Wladimir Iljitsch Lenin, Berufsrevolutionär und Begründer des Sowjetkommunismus, stiftet Jahrzehnte nach seinem Tod immer noch Streit. Soll sein Leichnam, der nach wie vor im Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau liegt, beerdigt werden oder nicht? Alljährlich, wenn sich am 21. Januar sein Todestag nähert, geistert diese Frage durch die russischen Gazetten. Dabei wollen kommunistische und meist auch ältere Journalisten diese Frage am liebsten gar nicht diskutieren. Für sie ist Lenin eine Art nationales Heiligtum, das auf ewig im gläsernen Sarkophag aufbewahrt werden soll.

Ganz anderer Meinung sind demokratisch gesinnte Journalisten und jüngere Russen. Sie sehen in der "kommunistischen Reliquie" ein Überbleibsel aus längst vergangener Zeit. Sie führen etwa ästhetische Gründe an für die Beerdigung Lenins. Ein einbalsamierter Leichnam habe nichts zu suchen auf dem "Roten Platz", der auf Russisch auch der "Schöne Platz" genannt wird. Ähnlich argumentiert die Russisch Orthodoxe Kirche. Im "heiligen Russland" dürfe es keine heidnische Grabstätte an der Kremlmauer geben. Gleichzeitig warnt sie vor einer Spaltung des Volkes in dieser Frage.

Beerdigung: Ja oder Nein?

Tatsächlich spricht sich jeder zweite Russe für eine Beerdigung des Sowjetführers aus. Jeder dritte Russe will den Status quo beibehalten. Lenin selbst soll zu Lebzeiten verfügt haben, neben seiner Mutter in Sankt Petersburg begraben zu werden. Das jedenfalls behauptete in den 1920er-Jahren die Witwe Lenins, Nadeshda Krupskaja. Dem widersprach die Nichte Lenins. Sie prophezeit Aufstände, ja einen Bürgerkrieg in Russland, sollte es die Kreml-Führung wagen, den Urvater des real existierenden Kommunismus zu begraben.

Am Ende scheinen sich alle an den Rat des 2008 verstorbenen orthodoxen Patriarchen Alexij II. zu halten: Eile sei in dieser Frage nicht geboten. Die Kirche sei es gewohnt, in anderen zeitlichen Dimensionen zu denken. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte, so meinte der Patriarch, werde sich die Frage von selbst lösen.

Historisches

Die Parolen von Lenin haben an Zugkraft eingebüßt. Nach der sogenannten Oktoberrevolution sagte er: "Zum ersten Mal in der Welt ist die Staatsmacht bei uns in Russland so organisiert, dass nur die Arbeiter, nur die werktätigen Bauern, unter Ausschluss der Ausbeuter Massenorganisationen bilden - die Sowjets. Und diesen Sowjets ist die gesamte Staatsmacht übertragen."

Schon am Anfang der so genannten Oktoberrevolution, die ein klassischer Staatsstreich war, stand also eine Lüge: Nicht die russischen Arbeiter und Bauern hatten die Macht, sondern "Berufsrevolutionäre", die von nicht wenigen als Kriminelle bezeichnet wurden. Bereits Lenin verfolgte politisch Andersdenkende unerbittlich und ließ Zehntausende von unschuldigen Menschen ermorden.

Lenin war nicht weniger grausam als sein Schüler Stalin und es dauerte lange - über 70 Jahre - bis Russen und andere Völker Mittel- und Osteuropas sich vom Leninismus befreiten. In einigen Staaten, etwa in China oder in Nord-Korea, berufen sich noch heute Diktatoren auf Lenin und seine Lehre. In dieser hatte Lenin den Sieg des Kommunismus auf der ganzen Welt proklamiert: "(...) es ist unvermeidlich, unausbleiblich, dass die Sowjetmacht in nicht ferner Zukunft in der ganzen Welt siegen wird." Auch hier hatte Lenin Unrecht.


Autor: Miodrag Soric
   
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