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16.1.1969: Selbstverbrennung von Jan Palach
"In Anbetracht dessen, dass sich unsere Völker am Rande der totalen Hoffungslosigkeit befinden, haben wir beschlossen, das Volk auf folgende Weise wachzurütteln. Unsere Gruppe besteht aus Freiwilligen, die bereit sind, sich für unsere Sache verbrennen zu lassen. Ich hatte die Ehre, als erste Fackel anzutreten." Am 16. Januar 1969 übergießt sich der Prager Student Jan Palach auf dem Wenzelsplatz mit einem Eimer Benzin, entzündet ein Streichholz und setzt sich selbst in Brand. Als "lebende Fackel" rennt er unter Schmerzenschreien über den Platz, bis ein herbeieilender Straßenbahnfahrer die Flammen mit einer Decke erstickt. Der 23-Jährige wird ins Krankenhaus eingeliefert. Noch ist er am Leben. Seine ersten Worte: "Ich bin kein Selbstmörder". Drei Tage später stirbt er an den Folgen der Tat. Seine Haut war zu 85 Prozent verbrannt.

Einmarsch

Die damalige Tschechoslowakei trauert. Nicht nur wegen der Verzweiflungstat dieses jungen Philosophiestudenten, sondern weil schon fünf Monate zuvor - im August 1968 - eine nationale Hoffung gestorben war: Alexander Dubcek war im Januar 1968 an die Parteispitze der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei (KSC) KPC gewählt worden und startete sofort ein Reformprogramm. Die Idee eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz fand viele begeisterte Anhänger. In der CSSR begann damit der Prager Frühling.

Die Sowjetunion allerdings sah die Einheit der Ostblockstaaten in Gefahr und gab am 20. August 1968 den Befehl zum Einmarsch. In jener Nacht rollten Panzer der sozialistischen Bruderländer durch Prag. Tagelang demonstrierten die Studenten gegen die Soldaten. 72 Menschen starben als die Besatzer anfingen, wahllos in die Menge zu schießen. Dubcek wurde nach Moskau verschleppt und kehrte einige Tage später als gebrochener Mann zurück. Er war dann bis zu seiner Absetzung im April 1969 nur noch eine Marionette der Sowjetunion.

Protest

Verzweiflung machte sich breit in den Straßen des Landes. Die Studenten streikten, die Bevölkerung protestierte. Doch vergeblich. Moskau ließ sich nicht erweichen. In dieser Zeit muss bei Jan Palach und seinen Kommilitonen die Idee entstanden sein, mit einer spektakulären Tat die Besatzer in die Knie zu zwingen, so eine Aktion wie die von Jesus Christus oder Ghandi könnte etwas bewirken.

Andere behaupten später, Palach hätte sich die buddhistischen Mönche aus Indochina zum Vorbild genommen, die sich in den 1950er-Jahren aus Protest gegen die französische Okkupation selbst verbrannten. Die jungen Leute entschließen sich zu der "Aktion Lebende Fackel". In seinem Abschiedsbrief droht der Philosophiestudent sinngemäß: "Wenn die Zensur nicht bis zum 21. Januar abgeschafft wird und die sowjetische Zeitung "Zpravy" nicht verboten wird, dann wird die nächste Fackel brennen."

Als seine Mutter ihn im Krankenhaus besucht, fragt der Schwerverletzte hoffungsvoll: "Was tut die Regierung?" Die Antwort enttäuscht ihn. Kurz vor Palachs Tod kann sein Freund Lubos Holecek noch einmal mit ihm sprechen. Danach gibt er die Worte seines Freundes mit tränenerstickter Stimme im Prager Rundfunk wider: "Meine Tat hat ihren Zweck erfüllt. Aber ich bitte eindringlich alle Studenten, besonders jene der philosophischen Fakultät, nicht meinem Beispiel zu folgen. Vielleicht gibt es ein Wiedersehen."

Befreiungskampf

Am 26. Januar wird Jan Palach auf dem Prager Friedhof Olsany beerdigt. Die Trauerfeier geht als eine der größten Protestkundgebungen gegen das Moskauer Regime in die Geschichte ein. Palachs Grab wird eine Pilgerstätte und sein Name und seine Tat bleiben den linientreuen Moskauanhängern ein Dorn im Auge.

1973 exhumierte die Staatssicherheit die Leiche, äschert sie ein und zwingt die Familie, die Urne in Palachs Heimatort beizusetzen. Das Märtyrergrab soll aus der Hauptstadt verbannt werden. Dennoch bleibt der Wenzelsplatz, auf dem Jan Palach sich verbrannte, eine Gedenkstätte.

1989 legt Vaclav Havel zusammen mit 14 Bürgerrechtlern dort Blumen nieder. Er wird sofort verhaftet. Die Verhaftung allerdings ist ein Signal: Tausende strömen auf den Platz und fordern seine Freilassung. Die Demonstration ist der Anfang vom Ende des Kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei, denn die Protestkundgebungen setzen sich von nun an fort, bis zum Sturz der Machthaber.

Der Name Jan Palach ist und bleibt fest verbunden mit dem Befreiungskampf der Tschechen und Slowaken gegen das kommunistische Regime. Seinen Schrei nach Freiheit haben die Sowjets 1969 nicht erhört. Das Land wartete noch über 20 Jahre - bis am 27. Mai 1991 der letzte russische Soldat die Tschechoslowakei verließ.


Autorin: Alexandra Harth
   
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