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12.1.1970: Ende des Biafra-Krieges
Am 12. Januar 1970 verschwand Biafra von der Weltkarte. An diesem Tag musste die abtrünnige Igbo-Republik nach 31 Monaten bewaffnetem Kampf um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung vor der Übermacht der Bundestruppen bedingungslos kapitulieren.

Am Vortag war der Anführer der Sezessionisten, Oberstleutnant Ojukwu, ins Exil geflohen. Die nigerianische Zentralregierung unter General Gowon zwang die Verlierer, die schmachvolle Kapitulation drei Tage später nochmals über sich ergehen zu lassen, diesmal jedoch in der damaligen Hauptstadt Lagos.

Politischer Machtkampf militärisch entschieden

Damit war auf lange Sicht der Machtkampf um die politische Vorherrschaft in Nigeria militärisch entschieden worden. Doch verzichteten die Sieger auf Rache und Reparationszahlungen und ebneten somit den Igbo den Weg zurück in den nigerianischen Staatsverband.

Dies war die zentrale Botschaft Gowons: "Bürger Nigerias. Mit einer tief empfundenen Dankbarkeit gegenüber Gott teile ich ihnen mit, der heutige Tag bedeutet das offizielle Ende des Bürgerkrieges. Heute Nachmittag haben die führenden Offiziere feierlich erklärt, der Sezessionsversuch sei beendet, und sie würden die Autorität der Militärregierung der Bundesrepublik Nigeria akzeptieren. Alle Nigerianer haben Teil am heutigen Sieg, dem Sieg der nationalen Einheit, dem Sieg für die Hoffnungen Afrikas und der Schwarzen überall in der Welt."

Führungsanspruch der Igbo

Schon vor der Unabhängigkeit 1960 beanspruchte die Igbo-Elite auf Grund ihres Bildungsniveaus, ihrer Wirtschaftskraft und der extremen Rückständigkeit im überwiegend muslimischen Nordnigeria die politische Führungsrolle für Gesamtnigeria. Doch konnte sie diesen Anspruch im Vielvölkerstaat politisch nicht durchsetzen.

Auch der von den Igbo inspirierte Militärputsch Anfang 1966 führte nicht zum erträumten Ziel. Vielmehr zerstörte dieser Putsch das erste demokratische Experiment und löste zugleich Igbo-Pogrome in zahlreichen Städten außerhalb des Igbo-Landes aus. Dies bot der Igbo-Elite einen willkommenen Anlass, die bereits latent vorhandene Sezessionsbereitschaft im Volk zu nutzen und am 30. Mai 1967 die "Unabhängige Republik Biafra" auszurufen.

Die Igbo-Führung glaubte an einen schnellen Erfolg, denn das politisch zerrissene Nigeria mit seinen zahllosen Einzelinteressen schien nicht in der Lage, die Sezession zu verhindern. Doch sie irrte, denn bis zum Beginn der militärischen Konfrontation gut einen Monat später konnte die Militärregierung in Lagos die zerstrittenen Parteien Nigerias einigen. Die Militärmaschinerie kam langsam auf Touren, das Ende der Sezessionisten schien nur noch eine Frage der Zeit.

Internationale Aufmerksamkeit für Biafra-Konflikt

Doch dann zeigte eine Medienkampagne im Frühjahr 1968 in Europa und den USA erste Wirkung. Der "Vergessene Krieg" stand plötzlich im Mittelpunkt des internationalen Interesses. Über die Bildschirme flackerten erschütternde Bilder von hungernden Kindern. Die Propaganda für Biafra sprach von kommunistischer Infiltration und einem geplanten Völkermord der Muslime an den Christen in Biafra.

Kirchen und internationale Hilfsorganisationen wurden zum Motor dieser Kampagne. Sie mobilisierten Menschen und Material und errichteten über Lissabon und Gabun Luftbrücken nach Biafra.

Massensterben in Biafra

Die USA und Großbritannien hielten sich in diesem Konflikt zurück. Doch Frankreich unterstützte mit Waffen- und Nahrungsmittellieferungen offen die Sezession, denn die Franzosen hatten handfeste Interessen am Erdöl, das im Einflussbereich der abtrünnigen Republik zu sprudeln begann. Die Zentralregierung ihrerseits erhielt Waffen aus Moskau, der Krieg eskalierte und das Massensterben in Biafra begann.

General Gowon war sich seines Sieges sicher, was sein Gegenspieler Ojukwu noch im April 1969 völlig ausschloss und bestenfalls eine politische Lösung andachte: "Eine politische Lösung ist der einzig gangbare Weg in diesem Kampf. Aber dies kann nur ein Ergebnis beider Seiten sein anzuerkennen, dass eine militärische Lösung unmöglich sei."

Wieder irrte die Igbo-Führung. Acht Monate später, am 12. Januar 1970, war der blutige Konflikt beendet und der Traum eines souveränen Igbo-Staates ausgeträumt.


Autor: Heinrich Bergstresser
   
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