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7.12.1989: "Runder Tisch"
"Den Worten sind Taten gefolgt". Hans Jochen Vogel, damals SPD-Vorsitzender, einen Tag nach der Maueröffnung: "Weitere sind notwendig: freie Wahlen, ungehinderter Zugang aller Gruppen zu freien Wahlen. Und ich wiederhole die Bitte und Aufforderung, dass es nun auch in Ost-Berlin zu einem Runden Tisch kommt."

Die Vorbereitungen dazu, das konnte Vogel nicht wissen, waren schon im Gange. Seit dem 4. Oktober tagten - noch unter konspirativen Bedingungen - Vertreter von "Demokratie Jetzt", "Demokratischer Aufbruch", des "Neuen Forums" und anderer Oppositionsgruppen, um nach dem Vorbild Polens und Ungarns ein solches Dialogforum mit den etablierten Parteien ins Leben zu rufen. Die erste Sitzung des sogenannten zentralen Runden Tischs fand zwei Monate später statt.

"Die Stimmung am 7. Dezember 1989 im Betsaal der Herrenhuter Brüder-Gemeinde war zunächst mal chaotisch", erinnert sich Martin Ziegler, damals Oberkirchenrat und einer der drei Moderatoren. "Wir kamen gar nicht in den Saal hinein, weil alles verstopft war von Journalisten, Medienvertretern, Fernsehen."

Das Interesse war groß, war es doch schließlich das erste Mal, dass die neuen politischen Kräfte, die aus dem Widerstand gegen die SED-Diktatur erwachsen waren, nun gleichberechtigt mit den Vertretern der alten Macht auf ein Ziel hinarbeiten sollten: die Vorbereitung freier demokratischer Wahlen, die zunächst für den Mai 1990 angesetzt waren.

Die Moderatoren wurden von den Kirchen gestellt, weil sie als einzige von allen Gruppierungen akzeptiert wurden. Eine heikle Aufgabe: "Denn viele von den Gruppierungen waren ja bei den Demonstrationen dabei, die noch zusammengeprügelt worden waren und dafür trugen ja schließlich die Parteien, die in der Volkskammer saßen auch Verantwortung."

Und es gab auch noch die Angst bei den Teilnehmern, wenn das jetzt schief geht, dann sind wir alle dran. Die Erinnerungen an die blutigen Auseinandersetzungen in China waren noch frisch und obwohl alte Genossen wie Egon Krenz bereits abgetreten waren, wusste niemand zu diesem Zeitpunkt genau, wie weit der Arm der SED und der Armee noch reichte.

Doch obwohl demokratisches Verhalten erst noch geübt wurde, war die Stimmung insgesamt fair - und das Arbeitspensum gewaltig. Obenan stand der Entwurf einer neuen Verfassung der DDR; der konnte am Ende zwar noch an die Ausschüsse der Volkskammer weitergeleitet werden, blieb aber angesichts der rasanten gesellschaftlichen Entwicklung Makulatur.

Zweiter Schwerpunkt war die Auflösung der Stasi, bzw. ihrer Nachfolgeorganisation "Amt für nationale Sicherheit". Auch das ein schwieriges Unterfangen: die Regierung unter Hans Modrow mauerte, wollte auf jeden Fall einen neuen Verfassungsschutz installieren - obwohl eine schützenswerte Verfassung ja noch gar nicht existierte.

Was erst später bekannt wurde: auch am Runden Tisch saßen Stasi-Spitzel, ausgerechnet bei den Oppositionsgruppen: Ibrahim Böhme und Wolfgang Schnur. Letztlich gab auch beim Thema Stasi der Druck der Straße den Ausschlag, als nämlich am 15. Januar Demonstranten die Zentrale in der Berliner Normannenstraße stürmten.

Insgesamt richtete der Runde Tisch 17 Arbeitsgruppen ein, die Entwürfe für Wahl-, Parteien- und Mediengesetze erarbeiteten, die wie klassische Parlamentsauschüsse zu Sozial- und Gesundheitswesen, Strafrecht, Ökologie, Frauenpolitik, und Ausländerfragen Entwürfe vorlegten. Zu viel für ein Gremium, das nur 16 Mal zusammenkommen konnte:

"Es ist ja darum auch das meiste unvollendet geblieben und konnte nicht ausreifen, weil dazu die Zeit nicht war. Und das wurde noch schlimmer als der Wahltermin vom 6. Mai auf den 18. März vorverlegt wurde. Der runde Tisch hatte ja konsequent gesagt: Wahl - dann ist Schluss. So dass heute gesagt wird, es waren ja viele Utopien, es waren aber auch Ideen da, die man hätte weiterbearbeiten und auf ihre Durchführbarkeit hätte überprüfen müssen. Aber dazu sind wir leider nicht mehr gekommen."

Am 12. März, sechs Tage vor der Volkskammerwahl, endete die Arbeit des zentralen Runden Tisches. Nicht zuletzt seinen Vertretern ist es zu verdanken, dass der Übergang zur Demokratie friedlich verlief. Und auch wenn er schließlich von der rasanten politischen Entwicklung überholt wurde - etwas, meint Martin Ziegler, ist bis heute geblieben:

"Geblieben ist der Wunsch und die Freude daran, dass Politik Bürgernähe hat und dass sich Bürger nicht zurückziehen in die Politikverdrossenheit, wie das bei der Wahlbeteiligung der letzten Wahlen zum Ausdruck kam. Das war alles ganz anders beim runden Tisch, da war Politik wirklich Bürgersache."

Autorin: Gabriela Schaaf
   
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