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10.12.1929: Nobelpreis für Thomas Mann
In seinen Augen die höchste Auszeichnung, die einem Literaten zuteil werden kann, für ihn längst überfällig: Der Nobelpreis für Literatur. Thomas Mann schrieb:

"Die sensationelle Auszeichnung, welche die Schwedische Akademie zu vergeben hat, und die nach siebzehn Jahren zum ersten Mal wieder nach Deutschland fiel, hatte, soviel ich wusste, schon mehr als einmal dicht über mir geschwebt und traf mich nicht unvorbereitet. Sie lag wohl auf meinem Wege - ich sage es ohne Überheblichkeit, aus gelassener, wenn auch nicht uninteressierter Einsicht in den Charakter meines Schicksals, meiner Rolle auf Erden, zu der nun einmal der zweideutige Glanz des Erfolges gehört und die ich durchaus menschlich betrachte, ohne viel geistiges Aufheben davon zu machen."

Denker und Künstler

Thomas Mann war sich über seinen Lebensweg nie im Unklaren. Der Sohn eines bedeutenden Lübecker Kaufmanns - der Vater war Konsul und Senator - kam nie auf die Idee, die Geschäfte des Vaters weiterführen zu wollen. Er wollte, genauso wie sein Bruder Heinrich, Schriftsteller werden. Die künstlerische Begabung hatten die Mann-Brüder von ihrer deutsch-brasilianischen Mutter Julia geerbt.

Während des Studiums in München entstanden die ersten schriftstellerischen Fingerübungen. Thomas Mann tauchte zwar in die Schwabinger Bohème ein - ohne deswegen seiner bürgerlichen Herkunft untreu zu werden.

Thomas Mann schrieb: "Indem man ein Denker und Künstler wird, entartet man weniger, als die Umwelt, von der man sich emanzipiert, und als man selber glaubt. Man hört nicht auf zu sein, was die Väter waren, sondern ist ebendieses in anderer, freierer, vergeistigter, symbolisch darstellender Form nur noch einmal."

Buddenbrooks

Thomas Mann war 22 Jahre alt, als er mit Skizzen zu seinem ersten Roman begann. Ursprünglich sollte er "Abwärts" heißen, denn er schildert den langsamen Niedergang einer norddeutschen Patrizierfamilie im Laufe von vier Generationen. Mann entdeckte ein Prinzip, das sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Werk ziehen sollte. Er verarbeitete sein eigenes Leben, die Menschen seiner Umgebung, seine eigene Erfahrungswelt zu Literatur. Die Gestalten seines ersten Romans, der endgültige Titel ist "Buddenbrooks", sind quasi vier Generationen der Familie Mann. Thomas Mann deutete sich selber im letzten Spross, dem 15-jährigen Hanno an. Ein Prozess der Selbsterfahrung. Er schrieb: "Was ich selber sei, was ich wolle und nicht wolle, nämlich nicht südliche Schönheits-Ruhmredigkeit, sondern den Norden, Ethik, Musik, Humor. Wie ich mich zum Leben verhielte und zum Tode - ich erfuhr das alles, indem ich schrieb."

Seine sprachliche Meisterschaft machte Thomas Mann schon mit seinem ersten Roman zum Bestsellerautor und schützte ihn vor der Rache der unfreiwillig Porträtierten. Mann, der Künstler, entschied sich in seinem Leben für das, was er seine selbst gegebene Verfassung nannte. Er heiratete die Professorentochter Katja und führte ein Leben der Pflichterfüllung in bürgerlichen Gleisen.

Seine Werke

Seine homoerotischen Sehnsüchte, alles Dekadente, Chaotische in ihm ließ er die Figuren seiner Werke ausleben. Er vereinbarte die nie in Frage gestellte hanseatische Lebenstradition mit der Genialität seines Wesens: "Das Ethische - im Gegensatz zum Ästhetischen, zur Schönheits- und Genussseeligkeit, auch zum Nihilismus und zur Todesvagabondage - das Ethische bedeutet recht eigentlich Lebensbürgerlichkeit. Der Sinn für Lebenspflichten, ohne den überhaupt der Trieb zur Leistung, zum produktiven Beitrag an das Leben, an die Entwicklung fehlt."

"Tonio Kröger", "Der Zauberberg", "Joseph und seine Brüder", "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull", "Königliche Hoheit" und wie sie alle heißen - Thomas Manns Werke sind sprachlich unvergleichlich genial und inhaltlich meistens pikant. So schildert "Wälsungenblut" zum Beispiel die Inzestverbindung eines Zwillingspaars, "Tod in Venedig" die homoerotische Leidenschaft eines alternden Schriftstellers.

"Ein Traum von einer schmalen Lorbeerkrone…"

Das Nobelpreiskomitee verleih im Dezember 1929 die Auszeichnung an Thomas Mann ausdrücklich nur für seinen Roman "Buddenbrooks" und nicht für sein Lebenswerk. Trotzdem erfüllte sich an diesem Tag das, was Thomas Mann schon als 20-Jähriger in sein Notizbuch schrieb:

"Ein Traum von einer schmalen Lorbeerkrone
Scheucht oft den Schlaf mir unruhvoll zur Nacht
Die meine Stirn einst zieren wird, zum Lohne
Für dies und jenes, was ich hübsch gemacht."

Autorin: Catrin Möderler
   
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