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25.12.800: Karl der Große gekrönt
Weihnachten des Jahres 800 in Rom, genauer: die Kirche St. Peter. Nach altem Brauch zelebriert Papst Leo III. die Messe. Es wird gebetet, gesungen und doch ist diesmal alles ganz anders. Der fränkische König Karl, der zwar damals schon groß, aber noch nicht der Große war, wird von Leo zum Kaiser gekrönt.

Matthias Becher, Historiker an der Universität Bonn: "Man kann davon ausgehen, dass Karl der Große sich vor Beginn der eigentlichen Messe zum Gebet vor dem Altar niedergelegt hatte und sich dann zur Messe erhoben hat (...) und in dem Moment Papst Leo III. ihm die Krone aufs Haupt gesetzt habe und anschließend ihn die Römer zum Kaiser akklamiert haben."

Mit der Kaiserkrone empfing Karl dabei nur den Namen für eine Sache, die er im Grunde bereits verkörperte: Längst herrschte er über einen Großteil Europas. Er war der einzige, der genügend Macht hatte, das Papsttum zu stützen. Papsttum und Kaisertum, das wurden dann seit Karl die beiden Schaltzentralen im Mittelalter, weltliche und geistliche Macht. Aber was da am Tag der Geburt Jesu in Rom begann, hatte noch weitreichendere Konsequenzen.

Matthias Becher: "Mit Karl dem Großen, dem Weihnachtstag des Jahres 800, beginnt die Geschichte des Kaisertums im Westen, aus dem Kaisertum Karls des Großen entwickelt sich dann das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das dann fast 1.000 Jahre bestanden hat, das erst 1806 untergeht."

Groß war Karl übrigens nicht nur im übertragenen Sinne. 1,82 Meter maß er, für die damalige Zeit eine mehr als nur "staatliche" Größe. Sein Biograf Einhard schildert ihn als "einen geselligen Patriarchen, der gerne eine große Gesellschaft um sich versammelt, auch gerne warm badet. Jedenfalls ein geselliger Mann, der sogar eine etwas zu hohe Stimme gehabt hat und schon einen etwas nach vorne stehenden Bauch." Der vermutlich von dem Bratenfleisch kam, das ihm seine Ärzte dann am Ende seiner 46-jährigen Regentschaft verboten haben.

Ob er lesen und schreiben konnte, darüber streiten die Gelehrten noch heute, versucht hat er es wohl, notwendig wird es nicht gewesen sein. Schließlich war Karl in erster Linie, trotz aller persönlicher Hemdsärmeligkeit und trotz allem Interesse an den modernen Wissenschaften, die er förderte, ein brutaler Machtpolitiker, der auch schon mal ein Familienmitglied um die Ecke brachte, wenn es ihm nutzte.

Mit seiner Kaiserkrönung stellte er den Anspruch, nicht nur über sein Volk zu herrschen, natürlich inklusive der vielen eroberten Völker wie den Bayern oder den Sachsen, er will über den ganzen Erdkreis herrschen und fordert damit Byzanz heraus. Nach dem Untergang des römischen Reiches fühlte sich Byzanz als bruchlose Fortsetzung des Imperium Romanum. Von Byzanz anerkannt wird Karl erst zwölf Jahre nach seiner Krönung.

Von der Nordsee bis zu den Abruzzen, von der Elbe bis zum Ebro, vom Plattensee bis zur Bretagne erstreckte sich sein Reich bei seinem Tod. Das war die äußere Einheit. Aber die innere Einheit war genauso wichtig. Nach dem Ende Roms war der Westen des Reiches zerfallen. Die Städte lösten sich auf. Zur Zeit Karls leben in Rom 20.000 Menschen zwischen Ruinenfeldern. In Konstantinopel sind es Hunderttausende. Metropolen des Westens wie Köln haben 10.000 Einwohner, in Bagdad leben eine Million Menschen.

Sprich: Karl herrschte über die Teile des Kontinents, die am Boden lagen. Für die innere Restaurierung des Reiches brauchte Karl die Kirche, einheitliche liturgische Verhältnisse sollten einkehren. Und dieser, um es modern auszudrücken, ordnungspolitische Anspruch hatte immense kulturelle und zivilisatorische Folgen: die karolingische Rennaissance.

Ein Reich, ein Glaube, das war das Ziel und um die Voraussetzungen dafür zu schaffen "(...) musste er die Schrift und auch die lateinische Sprache wieder vereinheitlichen, wieder auf einen allgemein verständlichen Stand bringen, denn im Laufe des frühen Mittelalters hatten sich doch die verschiedenen romanischen Dialekte erheblich verselbständigt, auch die Schriften hatten sich auseinander entwickelt, so dass ein Langobarde im Süden Italiens ein angelsächsisches Buch wahrscheinlich nur mit großen Schwierigkeiten lesen konnte."

Die karolingische Minuskel wurde als Einheitsschrift eingeführt, Bildungseinrichtungen geschaffen. Karls Renaissance schuf die kulturelle Basis des europäischen Kontinents. Und Karl wirkte fort. Napoleon soll an seinem Grab in Aachen gesagt haben: "Ich bin Karl der Große".

In Osteuropa machte er so großen Eindruck, dass sein Name, sprachlich umgewandelt, zur Bezeichnung für König wurde: Krull im russischen oder Karol im polnischen. Patriarch des Kontinents, Leuchtturm Europas, neuer Augustus. Mythisch überladen wie kaum eine andere Figur steht Karl am Beginn des christlichen Abendlandes. Deutsche haben ihre Geschichte mit Karl beginnen lassen, was genauso unsinnig ist wie der französische Versuch, eine nationale Geschichtsschreibung auf den Frankenherrscher zu gründen. Moderne Politiker sehen in ihm den Gründervater Europas.

Matthias Becher wünscht sich, "dass man aber auch bedenkt, dass die Vereinnahmung einer historischen Persönlichkeit nicht zu weit gehen darf, dass man etwas Abstand davon nimmt, diese ungebrochene Kontinuitätslinie von Karl dem Großen zum heutigen Europa zu ziehen. Dass man davon Abstand nimmt, ihn als uneingeschränkt positive Figur zu werten, sondern dass man auch die negativen Seiten seiner Herrschaft wenigstens etwas in den Blick nimmt. Aber ich wünsche mir auch ganz egoistisch, dass diese Jubiläen dazu führen, dass die mittelalterliche Geschichte im Geschichtsunterricht einen etwas größeren Stellenwert bekommen wird, als das heute der Fall ist."

Autor: Ramón García-Ziemsen
   
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