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29.12.1999: Weltuntergangs-Visionen
Für Otto III. war es ein Jahreswechsel wie jeder andere. Der 20-jährige Kaiser verbrachte die Jahrtausendwende in einem Alpenkloster - ohne Angst vor dem bevorstehenden Weltende. Obwohl tief religiös und durchdrungen vom Gottesgnadentum, lebte er nicht in unmittelbarer Endzeiterwartung. Er hatte sich vielmehr, als er im Jahr 996 von seinem Vetter Papst Gregor V. zum Kaiser gekrönt wurde, aufgemacht, das Römische Reich und das Kaisertum zu erneuern. Im Jahr 998 zog er nach Rom, wo er den Gegenpapst Johannes XVI. schlug und Rom zu seiner Residenz bestimmte. Im Dezember 999 brach er zu einer Reise nach Norden auf, um in Polen ein Bistum zu gründen und das Christentum zu verbreiten.

Wenn die vom Evangelisten Johannes in seiner Offenbarung vorausgesagte Apokalypse in seinem Denken eine Rolle spiele, dann sicher nicht in einem von Schrecken und Ängsten bestimmten Sinn, erklärt Andreas Fincke von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. Der Jahrtausendwechsel könnte für Otto vielmehr der Beginn einer neuen kirchengeschichtlichen Phase gewesen sein:

"Wir haben tausend Jahre des Abfalls oder der problematischen Kirchengeschichte hinter uns, und es beginnt jetzt sozusagen ein neues Millennium, eine neues 1000-jähriges Reich, in dem es besser ist, oder, um noch mal auf die Apokalypse anzuspielen, ein 1000-jähriges Friedensreich. Das ist in der Apokalypse, in der Offenbarung des Johannes an einer Stelle auch sozusagen verheißen, dass ein 1000-jähriges Friedensreich sein wird auf der Welt. Und diese Erwartung mag den Hintergrund bilden für sozusagen tausend Jahre der problematischen Diesseitigkeit, und jetzt kommen tausend Jahre der Herrschaft Christi eines Friedensreiches."

Endzeiterwartungen, die mit Ängsten verbunden waren, und apokalyptische Vorstellungen waren vor eintausend Jahren weit weniger verbreitet als heute. Für die Ungebildeten spielte das Datum vermutlich überhaupt keine Rolle. Bei Theologen und Gebildeten dagegen war eschatologisches Denken schon vorhanden.

Andreas Fincke: "Bei bestimmten Intellektuellen gab es in der Tat so was wie Untergangsbilder, also die Angst, dass sozusagen mit tausend Jahren, wenn die tausend Jahre erfüllt sind, und dann bricht eine neue Zeit an und damit vielleicht auch das Ende der Zeit. Dies gab es. Aber man muss entgegen halten, es gab natürlich bei dem letzten Jahrtausendwechsel keine so flächendeckend funktionierende Zeitrechnung. Die Kultur, die Gesellschaft war viel primitiver organisiert. Viele wussten gar nicht, dass es einen Jahrtausendwechsel ist, viele hatten gar nicht so einen genauen Zugang zu Zeitmessinstrumenten."

Unklar war auch, ob das Millennium vom Tag der Geburt Christi oder vom Tag der Kreuzigung, also ein Menschenalter später, zu rechnen sei. Belegt ist jedenfalls, dass eine Generation nach dem Jahrtausendwechsel im Jahr 1028 viele Wallfahrten ins Heilige Land stattfanden. Sie wurden ausgelöst durch Zeichen, die auf das bevorstehende Auftreten des Antichristen hindeuten sollten.

Solche Zeichen werden auch vor dem zweiten Millennium von vielen Sekten und Randgruppen wieder gesehen. Doch die von Experten erwartete Endzeithysterie ist ausgeblieben, erläutert der Sektenexperte Andreas Fincke:

"Wir haben festgestellt bei der Beschäftigung mit den traditionellen wichtigen Sekten, die es in Deutschland gibt, dass eine solche starke Erwartung auf das Endzeitdatum, also sozusagen auf den 31. Dezember 1999 in diesen Milieus ja nie gegeben hat. Das ist ein Stückchen auch von der Öffentlichkeit hochgepuscht werden mit extremen Sekten, die es in Jerusalem gibt, die es in Lateinamerika gibt, die es auch in den USA gibt. In Deutschland war es immer ein wenig stiller an der Stelle."

Die Zeugen Jehovas beispielsweise haben klar gemacht, dass die Jahrtausendwende für sie keine apokalyptische Bedeutung hat. Und für Randgruppen wie die Sekte Fiat Lux oder die Anhänger des mittelalterlichen Sehers Nostradamus war das kritische Datum der 12. August 1999, der Tag der Sonnenfinsternis in Mitteleuropa - der Tag, an dem die Welt nicht unterging.

Autorin: Dr. Bettina Marx
   
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