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23.11.1931: Die Verurteilung Carl von Ossietzkys
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"Windiges aus der Deutschen Luftfahrt" war die Überschrift des Artikels in der Zeitschrift "Die Weltbühne", jener "Wochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft", die durch die Mitarbeit Kurt Tucholskys und Carl von Ossietzkys zur Plattform der Pazifisten in Deutschland geworden war.

Mit scharfer Feder

Unbeirrbar schrieb Ossietzky gegen die politische Machtausdehnung des militärischen "Staates im Staate". Willy Brandt erinnerte daran, als er 1971 in seiner Dankesrede für die Verleihung des Friedensnobelpreises feststellte: "Mit seiner scharfen Feder stritt er gegen Militarismus und Nationalismus. 1921 schrieb Ossietzky: 'Es haben viele Nationen miteinander gekämpft, aber geflossen ist nur einerlei Blut: das Blut der Bürger Europas'."

In "Windiges aus der Deutschen Luftfahrt" geißelte zwar nicht Ossietzky selbst den verschwenderischen Missbrauch von Steuergeldern aus dem Reichsverkehrsetat für illegale militärische Luftfahrtprojekte. Nach dem Versailler Vertrag und damit nach Artikel 4 der Weimarer Verfassung war dies verboten. Ossietzky war jedoch der verantwortliche Redakteur. Deshalb musste er dafür vor dem höchsten deutschen Gericht - dem Reichsgericht - erscheinen. "Landesverrat" und "Verrat militärischer Geheimnisse" lautete die Anklage des Reichswehrministers Groener im März 1929 gegen Ossietzky.

Wahrheit: strafbar

Der Oberreichsanwalt brauchte mehr als zwei Jahre für eine Anklageschrift, die jene zu Rechtsbrechern erklärte, die den Finger auf Verletzungen der Weimarer Verfassung gelegt hatten. Mitte November 1931 begann dann die Hauptverhandlung gegen Ossietzky. Aber das Gericht stand vor einem Problem: Wie sollte der Verrat von etwas verhandelt werden, das gesetzlich verboten und deshalb angeblich gar nicht vorhanden war? Die Lösung fand sich darin, dass das Gericht die Öffentlichkeit ausschloss und alle Beteiligten zu strengstem Stillschweigen verpflichtete.

Der ″Weltbühne″-Artikel entspreche in der Sache der Wahrheit - das gaben die Gutachter des Reichswehrministeriums offen zu und bekannten damit den Bruch des Versailler Vertrages. In der zivilen Luftfahrt würden Militärflugzeuge erprobt, zum "Wohl des deutschen Reiches" und "im Interesse der Landesverteidigung". Das war natürlich streng geheim.

Als Eingesperrter am unbequemsten

Am 23. November 1931 wurde Carl von Ossietzky zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt: wegen Landesverrats. Am Tage seines Haftantritts schrieb er in einem Essay: "Ich gehe nicht aus Gründen der Loyalität ins Gefängnis, sondern weil ich als Eingesperrter am unbequemsten bin".

An seine Frau schrieb er: "Unter Hochrufen ging ich durchs Gefängnistor. Dieser Tag, der der traurigste hätte werden können, ist für mich der stolzeste meines Lebens geworden."

Prominente Vertreter des damaligen Berliner Geisteslebens hatten ihn bis zum Eingang des Gefängnisses begleitet. Einflussreiche Publizisten und Verleger der Berliner Presse schrieben für Ossietzky und unterstützten ein Gnadengesuch. Die ausländische Presse reagierte empört auf seine Verurteilung.

Leidenszeit und Nobelpreis

Ossietzky wurde zwar auf Grund einer Amnestie vorzeitig entlassen, aber die Gefängnisstrafe hielt ihn danach nicht davon ab, seine pazifistische Gesinnung weiter offensiv in der "Weltbühne" zu vertreten. Deshalb wurde er, als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, noch in der Nacht des Reichstagsbrandes verhaftet. Seine eigentliche Leidenszeit begann.

Carl von Ossietzky wurde in ein Konzentrationslager gebracht, wo er gequält, misshandelt und gefoltert wurde. Prominente Freunde im In- und Ausland bemühten sich darum, ihm den Friedensnobelpreis verleihen zu lassen in der Hoffnung, ihn auf diese Weise aus dem Konzentrationslager zu befreien. 1936 war es endlich so weit: der deutsche Pazifist Carl von Ossietzky erhielt den Friedensnobelpreis. Unter dem Druck der Weltöffentlichkeit war er inzwischen aus dem Konzentrationslager entlassen und in einem Krankenhaus untergebracht worden.

Willy Brandt beschrieb Ossietzkys Heldenmut: "Von ihm forderte die Zeit noch mehr als Zivilcourage: sie forderte von ihm das Leben. Kurz vor der Verleihung versuchte einer der Gewalthaber, von dem unbequemen Gefangenen die Zusage zu erpressen, dass er den Preis zurückweisen würde. Dann sollte er befreit, materiell sichergestellt und in Zukunft nicht mehr belästigt werden. Ossietzky sagte 'nein' und ging ins Gefängnis zurück."

Am 4. Mai 1938 starb Carl von Ossietzky an den Folgen der im Konzentrationslager erlittenen Misshandlungen.

Autor: Dr. Otto Busch
   
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