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12.11.1918: Frauenwahlrecht in Deutschland
Dezember 1908: Christabel Pankhurst rief die britischen Frauen zum Kampf für das Wahlrecht auf. Tatsächlich waren die Suffragetten, wie die Frauenrechtlerinnen im viktorianischen Großbritannien genannt wurden, nicht zimperlich mit ihren Aktionen: Sie schlugen Fensterscheiben ein und ketteten sich an Geländern fest, sie traten in Hungerstreik oder schrieben mit Säure ihre Parole "Votes for Women" in den 'heiligen' Rasen britischer Golfplätze.

Anfänge der Frauenbewegung

In ganz Europa und in den Vereinigten Staaten stritten um 1900 Frauen für politische Gleichberechtigung, wenn auch nicht so spektakulär wie die Suffragetten. In Deutschland hatte es schon 1848 mit der bürgerlichen Revolution begonnen.

Die Journalistin Louise Otto Peters stellte damals der von ihr herausgegebenen Frauenzeitung den Aufruf voran: "Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen. Wir wollen unser Teil fordern: das Recht der Mündigkeit und Selbständigkeit im Staate."

Doch die sich in den folgenden Jahren formierende Frauenbewegung war gespalten: dem so genannten bürgerlichen Flügel ging es hauptsächlich um bessere Bildung für Mädchen, um Zugang zu höheren Schulen und Universitäten, um Chancengleichheit im Beruf. Der radikale Flügel um Hedwig Dohm forderte dagegen absolute Gleichstellung im privaten und im öffentlichen Leben. Dafür war das Stimmrecht unabdingbare Voraussetzung. Einigen Befürwortern der Mädchenbildung ging das entschieden zu weit.

Bildung: Ja – Macht: Nein

Adolf Lette, Vorsitzender des Vereins zur Förderung der weiblichen Erwerbstätigkeit, stellte 1901 klar: "Was wir nicht wollen und niemals, auch nicht in noch so fernen Jahrhunderten, wünschen und bezwecken, ist die politische Emanzipation und Gleichberechtigung der Frauen."

Bessere Bildung, um sich den eigenen Lebensunterhalt verdienen zu können - ja, aber Teilhabe an der Macht - nein! Das Wahlrecht, soviel war den Gegnern klar, hätte den Frauen auch die Möglichkeit gegeben, eigene politische Ziele durchzusetzen.

Die Chansonsängerin Claire Waldoff sang: "Raus mit die Männer aus'm Reichstag! (...) Raus mit die Männer aus'm Herrenhaus. Wir machen draus ein Frauenhaus!"

Frauen haben die Wahl

Der Kampf um staatsbürgerliche Gleichstellung dauerte Jahrzehnte. Von den Parteien in Deutschland standen dabei lediglich die Sozialdemokraten an der Seite der Frauenverbände. Am 12. November 1918 war es dann endlich soweit: In der Weimarer Verfassung wurde das Wahlrecht für Männer und Frauen ab dem 20. Lebensjahr gesetzlich verankert und am ersten Wahltag, im Januar 1919, von einer überwältigenden Mehrheit angenommen. 82 Prozent der wahlberechtigten Frauen gaben ihre Stimme ab und 37 weibliche Abgeordnete zogen ins Parlament ein. Unter ihnen die Sozialdemokratin Marie Juchacz. Die Frauen schuldeten der Regierung allerdings keinen Dank, so ihre Ansicht, schließlich sei nur ein Unrecht beseitigt worden. Das Gesetz habe der Realität Rechnung getragen.

1928 sagte Marie Juchacz in einer Reichstagsrede: "Das Frauenwahlrecht ist eine Folge der gegenüber früher völlig veränderten sozialen Lage der Frauen. Wer zweifelt heute daran, dass die Frauen in der Industrie, in Handel und Verkehr, als Staatsbeamte und Angestellte, in freien künstlerischen und wissenschaftlichen Berufen eine wichtige Rolle spielen."

Offenbar gab es aber noch Zweifel am Frauenwahlrecht. Hätte Juchacz es sonst 1928, zehn Jahre nach Inkrafttreten, noch ausdrücklich erwähnen müssen? Offenbar war den weiblichen Abgeordneten auch klar, dass wählen dürfen allein noch nicht den Fortschritt ausmacht - politisches Urteilsvermögen musste dazukommen.

Die Schriftstellerin und SPD-Abgeordnete Toni Sender sagte 1928 im deutschen Reichstag: "Ihr sagt vielleicht, was hilft uns das Wählen? Das Parlament, was hat uns seine Tätigkeit gebracht in den letzten Jahren, geht es uns etwa besser als früher? Ja, meine Herren und Damen - Sie müssen vergleichen die Reden, die man im Wahlkampf liest mit den Taten, dann wissen Sie, wie Sie zu handeln haben."

Autorin: Gabriela Schaaf
   
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