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8.10.1906: Ein Apparat für Dauerwellen
Es hat etwas von einem Insekt mit Krakenarmen und stählernem Panzer, aber auch als Bekleidungsteile eines Außerirdischen, wie man ihn sich Anfang des 20. Jahrhunderts vorstellte. Das futuristische Ding ist ein Dauerwellenapparat, 1906 erfunden von dem Süddeutschen Karl Ludwig Nessler, und es verhieß den vor allem weiblichen Kunden der damaligen Friseure Bestand und Dauer ihrer Lockenpracht, die sie bislang täglich mit Brennscheren mühevoll herstellen mussten.

Friseurin Dagmar Rexeisen: "Also, die hatten Drähte, die Haare wurden eingedreht. Senkrecht stehende Stäbe waren das, wo man das Haar nebeneinander aufdrehte, heute dreht man es übereinander. Und die standen senkrecht vom Kopf, das sah absolut astronautisch aus und war natürlich ein Mordsakt. Die Kundin wurde gewärmt und verbrannt und die Friseure mussten die Haut kühlen. Es war schon ein großes Abenteuer. Und zum Schluss gab es eine riesige Krause, die ja auch ein Jahr lang hält."

Friseurin Dagmar Rexeisen ist froh, dass sie ihre Kundinnen heute nicht mehr so malträtieren muss wie damals Karl Nessler. Doch damals war die Erfindung eine Sensation. Bei Charles Nestle, wie er sich inzwischen nannte, standen die Frauen Schlange, ob in dem Londoner "Haus der Dauerwelle" oder später in den New Yorker Salons des Meisters, obwohl die gesamte Prozedur der Verwandlung glatten Haares in einen Krauskopf bis zu acht Stunden brauchte.

In die Wiege gelegt wurde dem Knaben Karl dieser internationale Erfolg nicht. Aufgewachsen war er als Ziegenhirt im süddeutschen Todtnau und beim Hüten der Ziegen beobachtete er eines Tages, wie Pflanzenfasern kurz bevor es regnete in eigenartige lockenförmige Bewegungen gerieten. Auch die Haare seiner zahlreichen Schwestern waren dem jungen Karl ein beliebtes Studienobjekt. Warum und wie lockt das Haar sich und wie erhalte ich diesen Effekt?

Diese Frage ließ den jungen Mann nicht mehr los und nach jahrelangem Tüfteln und den verschiedensten beruflichen Stationen, vom ortsansässigen Barbier über Salons in Genf und London bis nach New York, hatte er es dann geschafft. Die Dauerwellenapparate waren der Renner bei der modebewussten Schickeria.

Alles andere als begeistert waren jedoch die Kollegen seiner Zunft. Denn statt häufigem Aufdrehen der Haare mit Lockenstab und Lockenwicklern, bedurfte es jetzt nur noch einer Sitzung, um das Haar ein Jahr lang in Form zu bringen. Die Friseure fürchteten um ihre Dauerkundschaft. Aber Nesslers Verfahren setzte sich durch und machte den Erfinder der Dauerwelle zum Millionär.

Moderne Friseure nehmen heute das Wort Dauerwelle allerdings nur noch selten in den Mund: "Man spricht heute eigentlich mehr von Volumen als von Dauerwelle, denn die Kundin möchte eigentlich ihre Frisur nur mit Volumen unterstützen, sie will keine Krause mehr. Man ist heute wirklich in der Lage, es so zu machen, wie sie es wünscht, also man braucht da keine Angst mehr vor zu haben."

Und auch sonst hat sich die Prozedur zur Herstellung von Volumen und Dauerwelle natürlich völlig verändert. Geblieben aber ist der Zusatz von Chemie. Denn ohne Thioglykolat, Tert-Butyl-Phenol, Dichlordiflourmethan und andere chemische Verbindungen wird das Haar nicht dauerhaft gelockt, gekraust, gewellt oder fülliger gemacht.

Friseurin Dagmar Rexeisen: "Der chemische Vorgang dabei ist einfach, dass man im Haar die Doppel-Schwefelbrücke bricht. Ohne das geht es nicht. Die werden dann durch das Wickeln verschoben und nehmen diese Form an. Entsprechend des Frisurenwunsches wird diese Welle erstellt, ohne dass das Haar dabei kaputtgeht. Das ist im Prinzip eine ganz einfache Geschichte."

Dem Erfinder der dauerhaften Locken haben dieselben übrigens kein langfristiges Glück gebracht. Am Schwarzen Freitag 1929 verlor er an der Börse mehrere Millionen Dollar; im selben Jahr brannte sein Landhaus ab und mit ihm alle Lizenzen, Wertpapiere und neue Haarstudien. Karl Nessler starb arm und einsam 1951 in New York.

Autorin: Gerda Meuer
   
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