Kalenderblatt dw.com
 
30.9.1946: Todesurteile im Nürnberger Prozess
Am 31. August 1946 endete mit letzten Erklärungen der Angeklagten der Verhandlungsmarathon im Nürnberger Kriegsverbrechertribunal. Einen Monat brauchten die alliierten Richter, um sich über Schuld, Unschuld und Strafen einig zu werden.

Am 30. September verkündeten sie das Urteil. Nicht alle werden schuldig gesprochen: Zwölf der 22 Angeklagten werden zum Tode verurteilt, sieben erhielten Haftstrafen zwischen zehn Jahren und Lebenslänglich, drei wurden freigesprochen.

Die Urteile wurden durch den Rundfunk weit über Grenzen hinaus übertragen: "Göring ist zum Tode durch den Strang verurteilt. Rudolf Heß ist zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt. Angeklagter Joachim von Ribbentrop laut Anklageschrift zum Tode verurteilt. Wilhelm von Keitel - Tod durch den Strang. Alfred Rosenberg - Tod durch den Strang. Hans Frank - Tod durch den Strang. Wilhelm Frick - Tod durch den Strang. Julius Streicher - Tod durch den Strang. Walter Funk - Lebenslänglich. Karl Dönitz - zehn Jahre Haft. Erich Raeder - Lebenslänglich. Baldur von Schirach - 20 Jahre Haft. Fritz Sauckel - Tod durch den Strang. Alfred Jodl - Tod durch den Strang. Arthur Seyß-Inquart - Tod durch den Strang. Albert Speer - 20 Jahre Haft. Konstantin Freiherr von Neurath - 15 Jahre Haft. Ernst Kaltenbrunner - Tod durch den Strang. In Abwesenheit: Martin Bormann - Tod durch den Strang."

Es war für die Ankläger und Richter ein großes Problem, rechtsstaatliche Normen anzuwenden, denn alle Ankläger wollten die Todesstrafe. Doch im Verlaufe des Verfahrens zeigte sich, dass demokratische Gesinnung auch den Passus "im Zweifelsfalle für den Angeklagten" Anwendung finden musste.

Die Anklagevertreter einigten sich auf drei Anklagepunkte: Erstes: Verbrechen gegen den Frieden, also die Planung, Vorbereitung Einleitung und Durchführung eines Angriffskrieges. Zweitens: Kriegsverbrechen, also Verstöße gegen die Haager Landkriegsordnung. Drittens: Verbrechen gegen die Menschlichkeit, womit unmenschliche Handlungen aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen gemeint waren, also vor allem die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden.

Der Prozess endete am 1. Oktober 1946. Das Urteilsschema enthielt ein paar Unregelmäßigkeiten. Hjalmar Schacht, ebenfalls auf der Anklagebank, wurde freigesprochen, weil seine auf Enteignung abzielende Devisenbewirtschaftung lediglich vor dem Kriege stattfand.

Von Neurath dagegen konnte einer Bestrafung für die Durchführung antijüdischer Maßnahmen in Prag nicht entgehen, weil der Gerichtshof unter der Voraussetzung tätig wurde, dass das Protektorat als ein Territorium mit Völkerrechtspersönlichkeiten - also Autonomie - unter militärischer Besatzung stand.

Noch merkwürdiger ist der Gegensatz zwischen Streichers Verurteilung und dem Freispruch von Hans Fritzsche. Streicher wurde gehängt wegen "Anstiftung zu Mord und Ausrottung zu einer Zeit, als die Juden in Osteuropa umgebracht wurden". Fritzsche wurde freigelassen, weil er "nicht auf Verfolgung oder Ausrottung der Juden gedrängt" habe. Der prominente Leiter der Rundfunkabteilung unter Joseph Goebbels machte aus seinem scharfen Antisemitismus keinen Hehl. Immer wieder beschwor er in seinen Radiokommentaren die Schuld der Juden an den Krieg, dennoch verließ er als freier Mann den Gerichtssaal.

Auch Franz von Papen, einst der Steigbügelhalter Hitlers, wurde freigesprochen. Der kurzsichtige Herrenreiter schied bereits früh, nach dem so genannten Röhm-Putsch, aus Hitlers Gefolgschaft aus und wurde Botschafter in Wien. Dennoch war der Mann mit dem elastischen Gewissen dem Regime bis zum Ende treu ergeben. Eine Teilnahme am Angriffskrieg konnte ihm nicht nachgewiesen werden.

Die Anklagevertreter beantragten auch, sechs Organisationen für verbrecherisch zu erklären; das Gericht ließ aber nur drei zu: Die SS, die Gestapo und die politischen Leiter der NSPAP.

Zwei Wochen nach dem Urteil im Nürnberger Kriegsverbrechertribunal, am 16. Oktober 1946, wurden die Todesurteile vollstreckt. Hermann Göring vergiftete sich wenige Stunden vorher. "Mich hängen die nicht", hatte er vorher angekündigt.

Autorin: Doris Bulau
   
Zitat des Tages
    
Zitat des Tages
Wem das Lächeln fehlt, dem fehlt ein Flügel.
  > Truman Capote
> RSS Feed
  > Hilfe
Mit welcher Fernsehserie wurde Jurek Becker als Drehbuchautor bekannt?
  "Ich heirate eine Familie"
  "Derrick"
  "Liebling Kreuzberg"