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29.9.1938: Das Münchener Abkommen
"Es ist die letzte territoriale Forderung, die ich in Europa zu stellen habe, aber es ist die Forderung, von der ich nicht abgehe!" Dies sagte Adolf Hitler auf einer Kundgebung der NSDAP im Berliner Sportpalast.

Das war am 26. September 1938, drei Tage vor der Unterzeichnung des Münchener Abkommens, das die sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakei dem so genannten Großdeutschen Reich Hitlers zuschlagen sollte.

Die Welt stand in diesen Tagen am Abgrund des Krieges und was Hitler hier auch der internationalen Gemeinschaft zurief, es war eine glatte Lüge. Schon längst interessierte ihn das Schicksal der Sudetendeutschen nicht mehr. Ihm ging es um die Zerschlagung der Tschechoslowakei, und Hitler drohte dem tschechoslowakischen Präsidenten Eduard Benesch unverhohlen: "Er wird entweder dieses Angebot jetzt akzeptieren und den Deutschen endlich die Freiheit geben - oder wir werden diese Freiheit uns jetzt holen!"

Chronik eines angekündigten Verbrechens

Die Geschichte des Münchener Abkommens ist die Chronik eines angekündigten Verbrechens. Mit einem Hauptdarsteller und Handlangern, die an Skrupellosigkeit nicht zu überbieten waren, und westlichen Regierungschefs, deren Naivität und Gutgläubigkeit sie als Marionetten Hitlers erscheinen lässt.

Zumal Hitlers Vorgehensweise das Schlimmste befürchten ließ: Seine Machtübernahme war fünf Jahre her, Deutschland war gleichgeschaltet, die Opposition mundtot gemacht, die jüdischen Mitbürger stigmatisiert. Seine Außenpolitik der Expansion war deutlich erkennbar, und es war gerade erst sechs Monate her, dass Hitlers Truppen nach Österreich einmarschierten.

Welcher Erkenntnis bedurfte es also noch? Doch statt Hitler in seine Schranken zu weisen, versuchten vor allem die Regierungschefs von Großbritannien und Frankreich, Neville Chamberlain und Edouard Daladier, ihn durch Zugeständnisse gnädig zu stimmen und so den Ausbruch eines Krieges zu verhindern. Das Stichwort von der "Appeasement"-Politik hatte hier traurige Berühmtheit erlangt.

Eine kleine Nation stand allein

Hilflos und alleingelassen mussten die Tschechoslowaken dem Spiel der Mächte zusehen. Sie hatten mindestens drei Probleme. Erstens, wie ihr Präsident Benesch einräumen musste: "Ein Problem, dass ständig neue Formen einer Lösung erfordert: das Nationalitätenproblem." Ihr zweites Problem: In den sudetendeutschen Gebieten lagen jene Festungen, nach deren Verlust man Deutschland praktisch hilflos ausgeliefert war und - das dritte - die Erkenntnis, dass sie keine Bündnispartner mehr hatten.

Großbritannien wollte keinen Krieg mit Deutschland. Am 27. September 1938, zwei Tage vor dem Münchener Abkommen und nur einen Tag nach der Hitler-Rede im Sportpalast, sagte der britische Premierminister Chamberlain in einer Rundfunkansprache: "Wie sehr wir auch Sympathie empfinden mögen für eine kleine Nation, die sich einem großen und mächtigen Nachbarn gegenübersieht, wir können nicht unter allen Umständen das ganze Britische Empire in einen Krieg verwickeln, einfach nur ihretwegen. Wenn wir schon kämpfen müssen, müssen größere Dinge auf dem Spiel stehen."

Frankreich versteckte sich vorsichtshalber hinter der britischen Haltung. Die Russen konnten nicht, wie sie vielleicht gewollt hätten, und die Polen waren froh, dass sie nicht mussten, wie sie vielleicht gekonnt hätten.

Vertrags- und Wortbruch

Hitler hatte freies Spiel, stellte ultimative Forderungen, suchte einen Vorwand für den Einmarsch in die Tschechoslowakei. Zweimal eilte Chamberlain zu ihm, versuchte zu retten, was seiner Meinung nach zu retten war.

Am 29. September setzten Chamberlain, Daladier, Hitler und Italiens Diktator Mussolini ihre Unterschriften unter das Münchener Abkommen. Die Tschechoslowaken wurden nicht gefragt. Die Illusion, den Frieden gerettet zu haben, verflog nur sechs Monate später, als Hitlers Truppen in Prag einmarschierten. Mit diesem schweren Vertrags- und Wortbruch verdüsterte sich mit einem Schlag der europäische Horizont und er sollte sich nicht mehr aufhellen: Europa versank in der Dunkelheit eines neuen Krieges.


Autorin: Christa Kokotowski
   
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