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23.9.1963: "Das Schweigen"
"Der Film ist kein Amüsierfilm, den man sich genüsslich aus dem bequemen Kinosessel anschaut. Er will nicht unterhalten, sondern einen Teil der menschlichen Qual zeigen, ernst, mutig, hart und bedingungslos ehrlich."

"Soll man zu diesem Film von Herrn Ingmar Bergman und zu den 'besonders wertvollen' Filmkritiken schweigen? Müssen wir uns und unserer heranwachsenden Jugend so etwas bieten lassen? Der Vorspann mit der Gottesfrage dient doch nur als Tarnung für die geschmackloseste Darstellung intimster Sexszenen."

"Ich kann's nicht anders sagen, ich war wieder tief beeindruckt. Man könnte einwenden, es gäbe eine dezentere Art, den Gedanken, der Ingmar Bergman vorschwebte, zur Darstellung zu bringen. Ohne Zweifel aber keine so eindrucksvolle und nach meinem Empfinden so ergreifende..."

"Jeder gereifte Mensch wird sich nach dem Besuch des Films ernsthaft die Frage stellen müssen, ob angesichts des so bedrückenden Filminhalts nicht das Jugendverbot von 18 auf 21 Jahre heraufgesetzt werden müsste. Der Film wird nämlich für all die jungen Menschen zu einer großen moralischen Gefahr."

Leserbriefe aus einer Tageszeitung, nachdem der Film "Das Schweigen" von Ingmar Bergman nach seiner Uraufführung am 23. September 1963 in Stockholm, dann im Januar darauf auch in die deutschen Kinos kam. Keineswegs repräsentativ, sind diese Zuschriften dennoch ein Abbild des Meinungssturms, der sich um einen der umstrittensten Filme der Kinogeschichte erhob.

Es gab Dutzende Strafanträge bei den Staatsanwaltschaften wegen Verbreitung unzüchtiger Darstellungen, sogar eine Anfrage im deutschen Bundestag. Zwei Abgeordnete der CDU/CSU wollten wissen, ob die Regierung nicht auf dem Wege der Weisungsbefugnis an die Staatsanwaltschaften gegen den Film vorgehen könne. Natürlich könne sie nicht, beschied der damalige Innenminister Höcherl die Fragesteller. Zugleich räumte er ein, selbst den Film gesehen zu haben, allerdings - wie er betonte - "unter Ausschluss der Öffentlichkeit".

Es musste daher überraschen, dass die Freiwillige Selbstkontrolle, die FSK, damals noch eine mächtige Zensurinstitution, den Film anstandslos ohne Schnitte passieren ließ. "Das Schweigen" ist neben den Filmen "Wie in einem Spiegel" und "Licht im Winter" in seiner radikalen filmischen Darstellung Höhepunkt und Abschluss einer Bergmanschen Filmtrilogie. Immer wieder kreist Bergman dabei um ein Thema, die Entfremdung des Menschen von Gott, seine verzweifelte aber vergebliche Suche nach einer Sinngebung für das Dasein.

Im Mittelpunkt des Films steht die selbstzerstörerische Beziehung zweier Schwestern, Anna und Ester - eindrucksvoll und einfühlsam gespielt von Gunnel Lindblom und Ingrid Thulin - die in einem fremden Land, scheinbar eingeschlossen in einem labyrinthischen Hotel, voll gestopft mit altem Plunder, sinnlos ihre Tage verbringen.

Von außen dringen bedrohliche Geräusche in diese abgeschlossene Welt: der Lärm von Düsenjägern, das Rasseln von Panzerketten. Mit den Menschen in diesem unbekannten Land gibt es keine Verständigung. Sie sprechen eine unverständliche Sprache und eilen daher wie Schlafwandler, mit angespannten, aber leeren Gesichtern. Aber auch zwischen den beiden Schwestern herrscht Sprachlosigkeit. Ester, die ältere, ist schwer erkrankt. Am Schluss des Films stirbt sie einsam auf ihrem Hotelzimmer, allein gelassen von ihrer Schwester.

Anna, die jüngere, sucht hektisch nach Außenkontakten. Ein Kellner im Cafe an der Ecke bekundet eindeutiges Interesse. Sie nimmt ihn mit aufs Hotelzimmer, es kommt zur Vereinigung: ein roher Akt, ein teilnahmsloser Geschlechtspartner, der danach sofort einschläft und Annas Gesicht voller Ekel über sich selbst in Großaufnahme. Dies ist eine von drei kurzen Sequenzen - insgesamt genau 108 Sekunden des 95-Minuten-Films - die die Zensoren weltweit zur Schere greifen lässt.

Eine andere ist ebenfalls eine Vereinigung, im Nebenraum eines Varietes. Die Partner streben dabei nicht zu, sondern auseinander. Anna wird zufällig Zeugin der Szene und beschreibt sie nach Rückkehr ins Hotel ihrer Schwester.

Das Schweigen, Pornographie oder Kunstwerk? Heute, Jahrzehnte nach der Uraufführung von "Tystnaden", wie der Film im schwedischen Original heißt, ist diese Frage längst beantwortet. Und als der Film 1971 erstmals im deutschen Fernsehen gezeigt wurde, regte sich niemand mehr auf. Die Voyeure kamen längst anderswo auf ihre Kosten.

Autor: Bernd Wegmeyer
   
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