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22.9.1984: Kohl und Mitterrand in Verdun
Es regnete in Strömen an diesem Tag. Es war, als wäre der Himmel auf die Erde gekommen, um die Toten von Verdun noch einmal auf das Schlachtfeld zurückzuholen. Verdun ist einer der blutigsten Kriegsschauplätze der Geschichte. Im Ersten Weltkrieg fielen dort in nur einem Jahr 700.000 deutsche und französische Soldaten - 1.000 Tote pro Quadratmeter.

Vor dem Beinhaus, in dem die Gebeine von 150.000 mutmaßlich französischen Soldaten ruhen, standen die Veteranen des Krieges Spalier. Vor ihnen der französische Staatspräsident François Mitterrand und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl, mitten im Regen. In langen, dunklen Mänteln, ohne Schirm. Mitterrand wurde im Zweiten Weltkrieg in Verdun verletzt und deutschen Soldaten gefangen genommen, Kohls Vater hatte im Ersten Weltkrieg in den Hügeln ringsum gekämpft.

Geist der Brüderlichkeit

Die beiden Staatsmänner schwiegen. Sie halten sich an den Händen. Ganz fest. Minutenlang. "Ein Bild, das in die Geschichte eingehen wird", war am nächsten Tag in deutschen Zeitungen zu lesen: Als Zeichen vor allem für die Nachkriegsgeneration, dass die Erbfeindschaft zwischen Deutschen und Franzosen endgültig vorbei war.

Um dies zu besiegeln, hatten Kohl und Mitterrand in Verdun eine gemeinsame Erklärung unterschrieben: "Frankreich und Deutschland haben die Lehren aus der Geschichte gezogen. Europa ist unser gemeinsames Vaterland. Wir sind Erben einer großen europäischen Tradition. Deshalb haben wir vor 40 Jahren den Bruderkampf beendet und begonnen, gemeinsam an unserer Zukunft zu bauen. Wir haben uns versöhnt, wir haben uns verständigt, wir sind Freunde geworden. Die Einigung Europas ist unser gemeinsames Ziel - dafür arbeiten wir - im Geist der Brüderlichkeit."

Als reines Zeichen der Freundschaft war die Gedenkfeier zum 68. Jahrestag der Schlacht von Verdun nicht mehr nötig, zumindest nicht für die Jüngeren. Die deutschen Schulklassen, die dabei waren, als zum ersten Mal ein deutscher Kanzler die französischen Soldatengräber von Verdun besucht, hatten die gefallenen Urgroßväter schon nicht mehr kennen gelernt. Sie standen neben ihren Freunden aus französischen Partnerschulen und klatschten Beifall, als Kohl und Mitterrand den Veteranen die Hände schüttelten.

Deutsch-französische Freundschaft

Ein Zeichen war dieses Treffen trotzdem, denn die deutsch-französischen Beziehungen brauchten im Jahr 1984 frischen Wind. In Verdun haben Kohl und Mitterrand zueinander gefunden. Von dieser neuen deutsch-französischen Freundschaft wurde viel erwartet. Gerade in der Zeit des Kalten Krieges, in der die Großmächte ständig aufrüsteten, war das Treffen vor den Gräbern zweier Weltkriege ein Signal der Friedenssehnsucht, titelte die Presse.

Eine Folge der neuen deutsch-französischen Kooperation war es, dass Kohl und Mitterrand den inneren Ausbau der Europäischen Gemeinschaft vorantrieben. Die Europäische Akte, die 1985 ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem Europäischen Binnenmarkt war, war die Folge einer Freundschaft, die an einem der blutigsten Kriegsschauplätze der Geschichte aufgefrischt wurde.


Autorin: Susanne Steffe
   
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