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19.9.1991: "Ötzi" gefunden
Die Tiroler Alpen sind berüchtigt für ihre plötzlichen Wetterumschwünge. Plötzlich fegt ein Schneesturm über das 3.200 Meter hoch gelegene Tisenjoch nahe dem Hausalbjoch zwischen Ötztal und Schnalstal, dabei ist erst Juli.

Der 40-jährige Mann, der nach seinen Tieren auf der Hochweide sehen will, stellt seine Ausrüstung ab und sucht Schutz in einer Felsrinne. Der Aufstieg hat ihn völlig erschöpft. Er hat keinen Widerstand gegen die Kälte. Er dämmert in einen Schlaf, aus dem er nicht mehr erwacht. Schnee und Eis decken ihn zu - so stellte man sich über Jahre eine Szenerie vor, wie sie sich womöglich hätte abgespielt haben können.

Am 19. September 1991 passiert ein bergwanderndes Ehepaar aus Nürnberg diese Stelle. Aus dem Gletschereis ragt ihnen eine mumifizierte Hand entgegen. Viele Untersuchungen folgen und das völlig überraschende Ergebnis: Zwischen den beiden Szenen liegen 5.300 Jahre.

Der prähistorische Tote, der Mann aus dem Eis, war eine Sensation. Die Medien gaben ihm nach dem Fundort nahe dem Ötztal den Spitznamen "Ötzi". Wissenschaftler aus der ganzen Welt nahmen sich des einzigartigen Fundes an. Einer der ersten war der Prähistoriker Professor Doktor Markus Egg vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz:

"So was hat man selten, dass man einen Mensch mit seiner kompletten Ausrüstung plötzlich vor sich stehen hat. Normal hat man mit Gräbern zu tun. Die meisten Sachen organischen Materials sind vergangen; Holz, Leder, Fell, das ist alles normalerweise perdu. Übrig bleiben die Knochen, Metallsachen, Steingeräte, Keramik. Und alles andere, das Fleisch sozusagen, das fehlt normalerweise. Und hier war es eben ein seltener Glücksfall, dass das noch da war, dass man bis ins kleinste Detail hinein alles untersuchen und natürlich auch hinterher rekonstruieren konnte, so dass man wirklich eine Vorstellung von Kleidung und Aussehen der Menschen damals - also nicht so sehr von der Person, das ist natürlich ein Mensch wie wir auch - aber von seiner Kleidung und Ausrüstung besitzt, wie wir's sonst eigentlich nie haben."

So war "Ötzi" 1,60 Meter groß, hatte einen Bart und welliges dunkelbraunes Haar. Er wog nur 45 Kilogramm, weil er Würmer hatte, die zehren aus. Verlaust war er auch. Außerdem hatte er eine gebrochene Nase, ein paar Rippenbrüche, Gelenkarthrose, Gefäßverkalkung und einen Bandscheibenvorfall. In der Steinzeit war ein 40-Jähriger eben ein alter Mann. Aber perfekte Zähne hatte er. Nur ein bisschen abgekaut. Seine Kleidung war der alpinen Region angepasst.

Hierzu sagte Prof. Egg: "Er hat eine Fellkleidung getragen, sehr sauber und sorgfältig genähte Fellkleidung, eine Art Hemd, dass seinen Oberkörper beschützte, einen Lendenschurz und zwei Beinlinge, die er mit Hilfe von zwei Strapsen am Gürtel befestigte. Und auf dem Kopf hatte er eine Bärenfellmütze, und um die Schultern hatte er noch einen großen aus Grasblättern geflochtenen Mantel. Das war seine Grundkleidung. Dann führte er noch einen Rucksack mit sich. Das Holzgestell desselbigen hat sich auch noch erhalten, zwei Birkenrindengefäße, die er mit sich trug, und dann kommt noch die Werkzeug- und Waffenausrüstung, bestehend aus Bogen, aus einem Köcher voller Pfeilen, einem kleinen Feuersteindolch und einer Axt mit einer Kupferklinge."

Um so viele Einzelheiten über den Toten aus der Kupferzeit herauszufinden, waren überaus raffinierte Untersuchungen nötig. Röntgen, Kernspintomographie und C-14-Analyse gaben Auskunft über ″Ötzis″ Körper. Um seine Lebensumstände zu erhellen, wurden wieder andere Methoden angewandt:

Dazu Prof. Egg: "Es geht los bei den Pollen, die in seiner Kleidung drinsitzen, Getreidepollen. Die Botaniker der Universität Innsbruck haben sehr viele Pollenanalysen in den Moorgebieten in den Hochalpen durchgeführt und haben zeigen können, dass diese Weidewirtschaft praktisch im fünften Jahrtausend vor Christi Geburt schon einsetzt. Da tauchen gewisse Pflanzen auf, die vorher nicht üblich waren durch das Abweiden der Schafe und Ziegen."

Diese Untersuchungen revidierte die Meinung, die man bisher über das Leben der prähistorischen Alpenbewohner hatte:

"Bislang war man der Meinung, dass die Alpen hauptsächlich wegen dem Kupfer in den Metallzeiten besiedelt wurden. Heute neigt man mehr und mehr dazu, dass die Weiden hoch droben über der Waldgrenze eine große Rolle bei der Besiedlung der Alpen gespielt haben. Am Anfang nutzte man das als Jagdgebiete im Mesolithikum, und dann, ab dem fünften / sechsten Jahrtausend, als die Menschen zu Bauern wurden, hat man das als Sommerweiden benutzt."

Die "Ötzi"-Forschung hat mehrere Millionen Euro gekostet, und sie ist noch nicht abgeschlossen. Schon 2005 wurde auf Grund von entdeckten Pfeilverletzungen an seiner Schulter vermutet, dass der Mann aus dem Eis möglicherweise zum Similaungletscher aufstieg, auf der Flucht vor Verfolgern. 2007 stellte ein Forscherteam die Theorie vor, dass er womöglich durch eine Kopfverletzung starb. Sicher ist, dass er in einen Überfall verwickelt war und getötet wurde.

Seine vorläufig letzte Ruhestätte hat der Tote vom Hauslabjoch seit 1998 in Bozen gefunden. Das archäologische Landesmuseum wurde extra für ihn in ein neues Gebäude verlegt, in dem die Mumie unter perfekten Bedingungen aufbewahrt werden kann. Der Prähistoriker Prof. Dr. Markus Egg weiß, womit sich ein solcher Aufwand rechtfertigt:

"Unsere Kultur basiert auf diesen alten Kulturen. Was die damals entwickelt haben, hat für uns heute auch noch Bedeutung. Wann man daran denkt, dass wahrscheinlich in der Kupferzeit das Rad eingeführt wurde, dass man zum ersten Mal Zugtiere eingesetzt hat in der Kupferzeit, dass man wahrscheinlich die ganze Milchwirtschaft eingeführt hat in der Kupferzeit. Wenn man heute ein Eis schlabbert, ist das eigentlich letztendlich eine Erfindung aus der Kupferzeit. Oder wenn man mit dem Auto fährt: Das Rad ist auch damals wahrscheinlich zum ersten Mal entwickelt worden."

Und "Ötzi", stellvertretend für alle seine Zeitgenossen, muss sich - ob er will oder nicht - dafür feiern lassen.

Autorin: Catrin Möderler
   
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