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11.9.1867: "Das Kapital"
Nicht nur für die Nachgeborenen war und ist "Das Kapital" von Karl Marx mit seinen gut 2.500 Seiten ein buchstäblich schwerer Brocken. 15 Jahre lang hat sich der Autor regelrecht mit diesem Opus geplagt, vollendet hat er zu Lebzeiten nur den umfänglichen ersten Band, die beiden folgenden Bücher hat sein Freund Friedrich Engels zu Ende geschrieben - auf der Basis von Fragmenten, Zetteln und Notizen, die Marx im Überfluss hinterließ.

Der 1818 in Trier geborene und 1883 in London gestorbene Philosoph gilt noch heute als scharfsinniger Analytiker und glänzender Denker, auch wenn seine Theorien der Wirklichkeit nicht in Gänze standgehalten haben mögen.

In seinem Hauptwerk "Das Kapital" hat Marx ein gewaltiges Gedankengebäude errichtet, hat Erkenntnisse aus der Wirtschaftswissenschaft, aus Geschichte und Soziologie, gewürzt mit einer Portion Polemik und Propaganda, herangezogen, hat seine Schlussfolgerungen mit zahllosen Fußnoten und Querverweisen belegt - ein intellektueller Kraftakt für Autor wie für Leser.

Marx' Idee war die Überzeugung vom Untergang der kapitalistischen Gesellschaft, der daraus folgende Siegeszug des Kommunismus und damit die Befreiung der Arbeiterschaft vom Joch der Ausbeutung durch die Unternehmer. Ausführlich beschäftigte sich Marx im ersten Band des "Kapitals" mit der Zirkulation des Geldes, mit Waren, mit Tausch-, Gebrauchs- und Mehrwert, mit Profitraten und Produktivkräften. Er schreibt von der "Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarktes" und von der Notwendigkeit, die die Menschen knechtenden Verhältnisse umzustoßen.

Der Vordenker und Anwalt der Arbeiterklasse hat freilich nie eine Fabrik von innen gesehen. Für sein dreibändiges Werk hat er ausschließlich in der Bibliothek des Britischen Museums in London recherchiert, dort, wo - wie er selbst schrieb - zum Thema "ungeheures Material aufgehäuft ist".

Marx wurde mit der Veröffentlichung des "Kapitals" berühmt - vielleicht hätte er sich die Kritiken, gute wie schlechte, zur Steigerung der Auflage und unter diversen Pseudonymen, gar nicht selbst schreiben müssen.

Richtig gewürdigt wurde der Autor freilich erst lange nach seinem Tod. Als der andere deutsche Staat, die mittlerweile nicht mehr existierende DDR, entstanden war, wurde Marx neben Engels und Lenin zum Heros des wissenschaftlichen Sozialismus stilisiert, seine Lehre zum unumstößlichen Dogma.

Jahrelang hatte die SED auch das Interpretations- und Herausgabemonopol der Marx'schen Werke quasi für sich gepachtet. Die berühmten blauen Bände, ediert vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, galten in den späten 1960er und Anfang der 1970er-Jahre als Pflichtlektüre, die ins Regal eines jeden links orientierten Studierenden in der Bundesrepublik gehörte. Zahllose Studentinnen und Studenten haben sich damals an den Universitäten in so genannten "Kapitalkursen" zur ideologischen Ertüchtigung abgerackert.

Heute ist Marx ein Klassiker und damit ein Thema für die historische Forschung. Der Politologe Professor Richard Löwenthal sagte einmal: "Die geschichtliche Wirkung von Marx beruhte auf einer einzigartigen Verbindung von bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen und einer begeisterten utopischen Vision, die den Pionieren der Arbeiterbewegung eine Art von Diesseitsreligion inspirierte. Und eine Lehre, die religiöse Funktionen erfüllt, ist immer in Gefahr, in den Köpfen ihrer Gläubigen und ihrer Priester zum Dogma zu erstarren."

Freilich - so richtig populär wurde die Bibel des Proletariats ohnehin nie. Für viele war sie zu schwere Kost, für andere hatte sie sich im Licht der real existierenden Verhältnisse überlebt - auch wenn Marx für seine Zeit wegweisende Erkenntnisse formuliert hat. Die Geschichte ging allerdings über seine Theorie hinweg und Professor Löwenthal glaubte: "(...) dass die Entwicklung in vieler Hinsicht anders verlaufen ist als Marx erwartete. Wir messen daher, wie andere moderne Menschen, nicht die Wirklichkeit von heute an den Theorien von Marx, sondern den Gegenwartswert der Theorien von Marx an der wirklichen Entwicklung. Und wir glauben gerade damit dem Geiste des kritischen Wissenschaftlers Karl Marx treu zu bleiben."

Sogar jene, für die "Das Kapital" eigentlich geschrieben war, kannten es allenfalls vom Hörensagen. August Bebel zum Beispiel, Gründer der deutschen Arbeiterbewegung, bekannte: "Ich habe 'Das Kapital' auch nicht weiter gelesen."

Autorin: Cornelia Rabitz
   
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