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30.8.1992: Erste evangelische Bischöfin
Ein ungewöhnlich großes öffentliches Interesse begleitet schon die Bischofswahl der Nordelbischen evangelisch-lutherischen Kirche am 4. April 1992. Bereits im ersten Wahlgang erhält Maria Jepsen eine knappe Stimmenmehrheit. Damit steht sie als Bischöfin des Sprengels Hamburg fest: Maria Jepsen wird am 30. August 1992 als erste Bischöfin der evangelisch-lutherischen Kirche in Hamburg ins Amt eingeführt.

Und dieses Ergebnis wird als Sensation gefeiert, beendet es doch die 2000-jährige Tradition der Männerherrschaft in der Kirche. Ein Zeichen nicht nur für das weltweite Luthertum, sondern für alle Kirchen. Liberale Kirchenvertreter, darunter Verfechterinnen der Feministischen Theologie, zu der sich auch Jepsen bekennt, jubeln.

Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass die damalige Pröpstin das Synodenvotum auch einem enormen öffentlichen Druck zu verdanken hat. Zuvor waren bereits in den Sprengeln Schleswig und Lübeck der nordelbischen Kirche zwei Frauen bei Bischofswahlen gescheitert.

Sie sieht das jedoch anders: "Es war in der Tat vor meiner Wahl so, dass Zurückhaltung bestand, weil ich manchen nicht feministisch genug war, nicht politisch genug war. Und die Synode hätte, wenn sie mich nicht hätte haben wollen, sehr wohl meinen Mitkandidaten gewählt."

Herbe Kritik an der Wahl einer Frau kommt aus dem theologisch konservativen Lager. Dessen Vertreter haben grundsätzliche theologische Bedenken. Wenn das höchste Hirten- und Lehramt von einer Frau eingenommen werde, widerspreche dies den klaren apostolischen Weisungen des Neuen Testaments.

In der Bevölkerung jedoch schwimmt die bescheiden wirkende Bischöfin seit Beginn ihrer Amtszeit auf einer Welle der Popularität, zählt auch Jahre nach der Wahl noch zu den 20 prominentesten Deutschen. Doch kirchenintern bekommt das Ansehen Maria Jepsens in den Folgejahren die ersten derben Kratzer. Manchen Mitstreiterinnen der Feministischen Theologie ist sie zu lasch.

Der erhoffte innovative Schub auf verschiedenen kirchlichen und gesellschaftlichen Ebenen setzt nicht ein. Ihren liberalen Prinzipien bleibt die Bischöfin so treu, dass sie in manchen Punkten mehr Verwirrung denn Klärung schafft.

So schließt sie sich dem Veto ihrer nordelbischen Bischofskollegen gegen die kirchliche Anerkennung homosexueller Paare nicht an. Ein Indiz für zunehmende innerkirchliche Vorbehalte gegen die programmatische Arbeit der Bischöfin mag sein, dass sie für die Wahl in den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, 1997, neun Wahlgänge benötigt. Das ist umso erstaunlicher, als die Mehrzahl der EKD-Synodalen ebenfalls liberalen Kirchengruppen angehört.

Gerne hätten wir die höchsten Repräsentanten der lutherischen Kirchen auf deutscher und internationaler Ebene zu Frau Jepsen befragt. Aber niemand will Stellung nehmen.

Belastet wird zweifellos seit der Wahl Maria Jepsens und mittlerweile weiterer sieben Bischöfinnen das ökumenische Verhältnis. Der Vatikan lehnt für die katholischen Kirche die Zulassung von Frauen zum Priesteramt kategorisch ab. Damit kommt auch die weibliche Besetzung eines Bischofsstuhls nicht in Frage.

Und im Ökumenischen Rat der Kirchen, kurz ÖRK, Dachverband von 336 nicht-katholischen Kirchen, treten derzeit einige orthodoxe Mitgliedskirchen den Rückzug an. Ein Grund: die zunehmende Praxis der westlichen Kirchen in punkto Frauenordination und die Wahlen von Frauen ins Hirtenamt.

Der Generalsekretär des ÖRK, Konrad Raiser, dennoch Befürworter weiblicher Bischöfe, zu den orthodoxen Vorbehalten: "Also, ich denke, wir müssen das ernst nehmen, denn dies ist Ausdruck einer ehrlichen und echten Besorgnis. Auf der anderen Seite gibt es inzwischen zunehmende Stimmen auch von sehr ernst zu nehmenden Theologen, kirchlichen Lehrern und Hierarchen in der katholischen und in der orthodoxen Welt, die sagen: Theologische Gründe gegen die Einbeziehung von Frauen in das ganze kirchliche Amt gibt es nicht."

Ist die Wahl Maria Jepsens zur Bischöfin also ein Akt mit Langzeitwirkung für Frauen, um leitende kirchliche Ämter zu erobern? Es sieht so aus. Doch was hilft das letztlich den evangelischen Kirchen in Deutschland? Ändert es etwas an deren schwindender Akzeptanz?

Auch im Amtsbereich der Hamburger Bischöfin geht die Zahl der Kirchenmitglieder weiter zurück, seit 1992 um fast zwölf Prozent. Gefragt sind generell wohl gute Konzepte unabhängig von der Geschlechterfrage. Welche hat Jepsen?

Maria Jepsen: "Das Wichtige ist, dass wir überzeugt sind von dem, was christlicher Glaube heißt, dass wir den Glauben hinaustragen zu den Menschen, sie einladen ins Gespräch, präsent sind vor Ort, wo Menschen leben und arbeiten - ohne Angst und Scheu."


Autor: Klaus Krämer
   
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