Kalenderblatt dw.com
 
31.7.1986: Karl Lagerfeld erhält den "Goldenen Fingerhut"
Die tiefere Qualität des Menschen äußert sich in seiner Ausstrahlung - und Samt, Seide, Taft und Tüll können dieses innere Wesen vielleicht unterstreichen, ändern können sie es nicht. Ausgenommen sind die Musen: Claudia Schiffer, Nadja Auermann, Naomi Campbell, Linda Evangelista oder das inzwischen vergessene, lange inszenierte Karl Lagerfeld- Ereignis Inés de la Fressange.

Pardon - Karl Lagerfeld kreiert und inszeniert, arbeitet seit er 16 ist, und vergisst alles Fertige: Musen von Gestern, Schauen von Gestern, Kollektionen, Villen, Schlösser, Fotobände, Hochglanzmagazine. Was zählt ist der Augenblick beim Zeichnen, Fotografieren, Inszenieren. Die Ungeduld eines genialen Geistes, der in einem sich immer mehr verhüllenden Selbst wohnt.

Und dieses verhüllte Selbst, die tiefere Natur, ist dem oberflächlichen Betrachter längst zur verlässlichen Skulptur in der unzuverlässigen Gegenwart der Modemagazine und Bildschirme geworden. Sie kursiert unter der Maske des Mannes in Schwarz mit dunkelgetönter Brille, Fächer und Zopf. Ein Bild von sich selbst zu schaffen, das vor allem die eigene Ungeduld verbirgt, ist mehr als die Kunstfertigkeit eines schlagfertig getarnten Arbeitstieres - wo Karl Lagerfeld draufsteht - ist auch Karl Lagerfeld drin, flüchtiger Odem der Mode hin oder her - der Träger des Goldenen Fingerhuts ist auch Meister der Distanz, jenes einzigen kurzen Blickes auf ein fertiges Werk, wo ein nächstes schon begonnen hat.

Lagerfeld: "Das ist aber etwas anderes, wie die Distanz oder irgendwie emotionelle Distanz, die Sie im Zustand der Erschöpfung haben. Das soll man nicht zu sehr analysieren. Natürlich ist immer etwas sehr Persönliches darin. Aber das hindert Sie nicht daran, hinterher automatisch Abstand zu haben. Ich vergesse automatisch, was ich gemacht habe. Was mich interessiert, ist zu entwerfen und die Sache zu realisieren. Im Moment, wo das fertig ist, interessiert mich das schon nicht mehr. Selbst die Modeschau im Grunde interessiert mich nicht. Und da muss ich mich schon am Riemen reißen, dass ich mich auch darauf konzentriere. Zum Beispiel, Rosemarie, Modellverlag für Mädchen, die sofort heraus soll. Mein Gott, ich weiß nicht warum, dann kümmere ich mich um die, die es gar nicht eilig hat aus irgendeiner eigentümlichen, unerklärlichen - ich will nicht sagen negativen, aber schon passeistischen Attitüde, denn ich bin schon wieder woanders."

Begreifen wir aus dieser Unrast heraus, dass Aufzählungen zwecklos sind: die Modehäuser Chanel, Cloé, Fendi und das Lagerfeld-Imperium selbst, auch die Arbeit für den deutschen Quelle-Katalog, die Designs für Rosenthal-Porzellan, das Styling des Schlosses "Vier Jahreszeiten" in Berlin - alles Lagerfeld pur - alles Schnee von gestern. Woran aber soll man sich halten, wie hält man sich gut, wie zieht man sich an?

Lagerfeld: "Man ist gut angezogen, wenn das seiner Persönlichkeit entspricht und wenn das auch dem Leben, das man führt und den Umständen entspricht. Das ist alles. Kleider - das ist auch eine Instinktfrage, und es ist im Grunde ja einfacher, in unauffallbaren, ganz klassischen langweiligen Sachen über die Straße zu gehen wie den Mut zu haben, von der Masse abzustechen. Darum bewundere ich im gewissen Sinne Leute, die sich sehr exzentrisch anziehen, die sich von der Masse abheben. Das ist nämlich viel schwieriger, wie sich mit der Masse zu vermischen und darin unterzugehen."

Dass Glück ein amorphes Ding ist, weiß der Sohn des Mannes, der mit Dosenmilch Marke Glücksklee zum Millionär wurde, sehr wohl. Etwas wirklich Schönes zu erzeugen und flüchtig auf die Körper von Frauen oder in die Hallen eines Schlosses zu projizieren, den Geschmack auf der Straße zu veredeln und dabei einsam zu leben, Jugend zu lieben und ihr den Gesetzen der eigenen Biologie folgend zu entsagen und bei all dem nicht von der Bildfläche zu verschwinden, sondern Lust und Kraft in Schönheit zu gießen, in edles Design und auch in Düfte - Karl Lagerfeld beschreibt dies mit kultiviert sein. Und das ist weder Dandytum, noch folgt es dem versteinerten Snobismus seiner Generation.

Lagerfeld: "Die Freunde, die ich seit 20, 25 Jahren kenne, die langweilen mich zu Tode, oder sie beklagen sich, dass sie nicht mehr jung sind, oder sie wollen betont auf jung machen, was noch grauenhafter ist. Darum sehe ich lieber noch ältere Leute oder noch jüngere Leute. Aber meine eigene Generation, die hängt mir oft zum Halse raus."

Wenn man einen gewissen Beruf hat, muss man doch der Vorstellung entsprechen, die die Leute von diesem Beruf haben. Gehört dazu der berühmte, inzwischen weiß gewordene Zopf? Immerhin ein Gefallen, den er nachhaltig der Männerwelt getan hat, ob Segen oder Fluch sei dahin gestellt. Lagerfeld über Lagerfeld, von Mann zu Mann.

Lagerfeld: "Das ist eine bequeme Frisur, denn meine Haare, die sind ziemlich unbändbar, und die sind nicht so, wie ich das möchte. Die sind erstens gelockt, und die gehen in alle Himmelsrichtungen, und für mich ist die einzige Möglichkeit, eine richtige Frisur zu haben, sie hinten zusammenzustecken. Das ist die bequemste Frisur, die es gibt. Und gleichzeitig sehe ich dann auch nicht zu sehr wie ein Bankier aus. Wenn man kurze Haare hat, dann muss man immer zum Frisör und so, dafür habe ich keine Zeit. Und ich bin auch zu oft in verschiedenen Städten, dass ich nicht überall einen guten Frisör habe oder einen finden könnte. So ist es das Bequemste, was es gibt, und da denke ich gar nicht dran."

Das ist das wirklich Prätentiöse an Lagerfeld, um einmal seinen Lieblingsausdruck zu verwenden: Man kann seine Sachen kaufen, bestellen, verdammen, bewundern, verachten und heilig sprechen. Seine Mode ist klar und der Meister ein Mysterium.

Autorin: Petra Grunert
   
Zitat des Tages
    
Zitat des Tages
Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.
  > Max Liebermann
> RSS Feed
  > Hilfe
Wie lautet der Name der Protagonistin in Uwe Johnsons vierbändigem Roman "Jahrestage"?
  Ingrid Babendererde
  Gesine Cresspahl
  Suzanne von Borsody