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29.7.1968: Kunstfleisch auf dem Markt
Als "Kunstfleisch" oder "tvp" kam es am 29. Juli 1968 auf den bundesdeutschen Markt. Doch was könnte das sein - Kunstfleisch? Ist es aus Plastik und liegt zur Dekoration in Möbelhäusern herum? Handelt es sich um eine Substanz, mit der Frauen ihre Oberweite aufpolstern, also das berüchtigte Silicon? Oder wirft hier ein Performance-Künstler mit Fleischbrocken um sich? Und was steckt hinter dem Kürzel "tvp" oder deutsch "TVP"?

"'TVP' heißt texturiertes, vegetabiles Protein. Das bedeutet, dass es ein mit einer Struktur versehenes, pflanzliches Protein ist, wird praktischerweise aus Soja hergestellt", kann Reformhaus-Fachverkäuferin Sonja Wahringer das Geheimnis lüften.

Kunstfleisch ist also Sojafleisch und wird aus der Sojabohne gewonnen, einer der ältesten Kulturpflanzen der Welt. Schon vor knapp 5000 Jahren wurde sie in China angebaut, mittlerweile aber weltweit. Die etwa acht Millimeter großen Samen des borstig behaarten Schmetterlingsblütlers enthalten etwa 40 Prozent Eiweiß, 40 Prozent Fett, 20 Prozent Kohlenhydrate und sind vielseitig verwendbar, zum Beispiel als Tofu, Glycerin, Viehfutter, Seife - oder eben als Kunstfleisch. Doch damit aus der Bohne ein Stück Fleisch werden kann, muss diese erst gepresst werden. Anschließend wird das Soja-Eiweiß in Alkali aufgelöst.

Sonja Wahringer: "Es wird einfach isoliert und dann tatsächlich auf Webstühlen versponnen, damit es 'ne gewisse Konsistenz kriegt und sich eben beißt wie Fleisch, und dann wird's auch weiterverarbeitet wie Fleisch."

Verarbeitet wird die Sojamasse zu Fleischwürfeln, Hackfleisch-Granulat, Fleischbällchen, Steaks.

Sonja Wahringer: "(...) bis hin zu Hähnchenschenkeln auf Plastikknochen mit möglichst naturechtem Geschmack. Es ist alles ausprobiert worden, und gehalten haben sich in Deutschland eben diese Produkte, die typisch für die Hausmannskost sind. Halt gulaschartig oder hackfleischartig oder eben wie so'n Schnitzel."

Wer ein solches Schnitzel kauft, rät Wahringer, muss das Produkt in der Regel erst einmal in Wasser einweichen oder kochen, damit es die fleischartige Konsistenz erhält. Und wer dann hinein beißt und den ultimativen Fleischgeschmack erwartet, der wird sicherlich enttäuscht:

Wahringer: "'TVP' oder überhaupt so reines, isoliertes Eiweiß ist total geschmacksneutral, damit kann man alles machen. Wenn man mal rohes Fleisch essen würde, das würde auch nach nichts schmecken."

Sojafleisch erhält den Geschmack - ähnlich wie tierisches Fleisch - erst durch die Gewürze. Fügt man also zum Sojahackfleisch beispielsweise Zwiebelwürfel, Ei, Semmelbrösel, Pfeffer, Salz und Paprika hinzu, kann man daraus ganz normal schmeckende Frikadellen herstellen, und das ganz ohne Knorpelstückchen. Welche Reformhauskunden greifen denn zu den Kunstfleischprodukten?

Sonja Wahringer: "Gerne nehmen das Anfänger, Vegetarier, die einfach jetzt 'n ganz schnellen, einfachen Ersatz zum Fleisch brauchen und wo man nicht so viel umdenken muss. Oder eben gerne auch Studenten, die auch was Schnelles brauchen. Texturiertes Vegetabilprotein, 'TVP', das ist meistens in trockener Form, das kann man auch gut lagern. Also alle, die es ziemlich unkompliziert haben wollen."

Dennoch ist der Nahrungsmittelkauf inzwischen für viele Menschen kompliziert geworden. Manche reagieren allergisch auf Sojaeiweiß, weshalb einige Hersteller von Soja auf Weizenprotein umgestellt haben.

Andere sind besorgt wegen der Genmanipulation und mangelnder Kontrollmöglichkeiten. Greenpeace zufolge werden gentechnisch veränderte Zutaten wie Mais, Raps und Soja in Deutschland nach wie vor in unterschiedlichsten Produkten eingesetzt. Die Palette reiche von Honig über Suppen, Süßigkeiten bis zu Getränkepulver. Bis jetzt ist es noch unklar, wie sich die genetische Manipulation auf die Sojapflanze auswirkt.

Sonja Wahringer: "Es wirkt sich bestimmt - wenn überhaupt - dann aufs Eiweiß aus, denn Gene sind Eiweißstoffe, und nur im Eiweiß lässt sich das nachweisen, z.B. im Sojaöl ändert sich überhaupt nichts."

Bislang ist also noch nicht abzusehen, welche Konsequenzen die Genmanipulation für die Nahrungskette hat. Doch die Ängste der Kunden sind groß. Deshalb wollen Reformhäuser weiterhin nur Produkte verkaufen, die nicht genetisch verändert worden sind. Auffällig sind die Namen der vegetarischen Produkte: vom Sojaschnitzel über den Tofuburger zur Sojabratwurst wird die flexible Bohne komplett durch den Fleischwolf gedreht, dabei wollen Vegetarier doch bewusst auf Fleisch verzichten. Vielleicht zeigt sich darin ja eine versteckte Fleischeslust?

Jedenfalls redet heutzutage jeder nur von Sojafleisch statt von "TVP". Über den Grund kann Sonja Wahringer nur spekulieren: "Ich hab' gehört, da is' gewitzelt worden, dass sich das anhört wie PVC usw. Der Begriff ist aus der Mode gekommen, das Produkt nicht."

Autorin: Sabine Ochaba
   
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