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28.7.1973: X. Weltfestspiele der Jugend
Der Ostberliner Rundfunk hatte eigens eine Festival-Welle geschaltet, die DDR-Hauptstadt war mit allem, was aufzutreiben war, herausgeputzt worden: Vor den Teilnehmern aus 140 Ländern wollte die SED und ihr Jugendverband, die Freie Deutsche Jugend FDJ, die vermeintliche Überlegenheit des Sozialismus demonstrieren. Im Inszenieren von Massen-Aufmärschen geübt, geriet auch die Eröffnung der Veranstaltung am 28. Juli zu einer gigantischen Propaganda-Show.

Im sogenannten Stadion der Weltjugend - eigens für das Festival rekonstruiert - eröffnete DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker die Weltfestspiele: "Wir alle spüren in dieser festlichen Stunde: Die Jugend ist durch das Streben nach edlen Zielen verbunden. Die Jugend unserer Zeit kämpft entschlossen für einen dauerhaften Frieden der Welt, weil das Glück der Jugend nur gedeiht, wenn im Leben der Völker Frieden, Sicherheit und Entspannung triumphiert."

Weltoffen und Systemkonform (?)

Weltoffen wollte man sich zeigen - wenigstens für die eine Woche des Festivals in Ostberlin. Dennoch wollte man dem ideologischen Staatsfeind Nummer eins Paroli bieten: In zahlreichen Diskussionsforen sollte das angeblich siegreiche sozialistische System propagiert werden.

Systemkonform freilich ging es in diesen Runden nicht immer zu. Auch wenn die Stasi-Aufpasser zahlreich vertreten waren, so konnten sie doch nicht überall sein. Mitglieder der Jungen Union durften sogar Flugblätter auf dem Alexanderplatz verteilen. Bei der Festival-Welle allerdings war davon nichts zu hören.

Viele Jugendliche aus der DDR - zu Zehntausenden teils mit Güterzügen nach Berlin gekarrt - nutzen die bis dahin einmalige Gelegenheit, ein paar Tage mit Gleichaltrigen aus aller Welt zu verleben. Musik und Tanz beherrschte die Ostberliner Innenstadt, es wurde gesungen, getanzt und geliebt.

Zwei ausländische Teilnehmer berichteten damals: "Die Probleme, die uns während des Festivals besonders interessieren, sind immer wieder die gleichen Probleme. Besonders die Freundschaft zwischen dem FDGB (DDR-Gewerkschaftsbund) und dem CGT."

"Ja, also das ist ganz große Klasse. So was hab ich noch nie gesehen und wie auch die anderen erzählt haben, die schon früher an solchen Festivals teilgenommen haben, die sagen: 'So was war noch nie da.' Und was mich überhaupt wundert - die Meinungsfreiheit. Hut ab!"

"Für anti-imperialistische Solidarität, Frieden und Freundschaft!"

Mitten ins fröhliche Treiben platzte allerdings der Tod des Honecker-Vorgängers Walter Ulbricht. Doch dessen angeblich letzter Wunsch sei es gewesen, das Fest weiterzuführen. So geschah es - und nach einer Woche ging das Festival zu Ende.

In einer Reportage hieß es damals: "Ja, hier der Berliner Marx-Engels-Platz in unserer herrlichen Hauptstadt. Scheinwerfer strahlen in den dunkelblauen Himmel, und die Repräsentanten der Weltjugend sind wieder vereint und grüßen ihre Gäste, ihre lieben Freunde. Und soeben Hochrufe auf den Genossen Honecker, auf das Kollektiv der Parteiführung, die Repräsentanten der internationalen Weltjugendbewegung."

So wollte es die SED-Riege hören - im Schein Zehntausender Fackeln ergötzten sich die alten Herren an den vorgegebenen Sprechchören. Auch wenn es eine große Feier war, am Ende blieb es ein riesiges Propagandafest. Ausstaffiert mit nichts sagenden Sätzen wie diesem des damaligen FDJ-Chefs Günter Jahn: "Es war das Festival der bisher größten politischen Breite. Trotz unterschiedlicher Meinung stehen wir alle geschlossen zur Losung: Für anti-imperialistische Solidarität, Frieden und Freundschaft!"


Autor: Henrik Böhme
   
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