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26.7.1978: Erstes Retortenbaby
Am Anfang stand eine Wette. John Brown, Lastwagenfahrer in der westenglischen Hafenstadt Bristol, liebte Fußball. Und Wetten. Als der damals 38-jährige im Fußballtoto 800 Pfund gewann, mehr als 3000 DM also, rückte für ihn und seine Frau Lesley ein Traum in greifbare Nähe, der Traum vorn eigenen Kind.

Lesley Browns Eileiter waren verschlossen, das Paar hatte die Hoffnung auf ein eigenes Kind fast schon aufgegeben. Der Rest dieser Geschichte ging dann um die Welt. Er trägt den Namen Louise Brown. Mit den 800 Pfund finanzierten die Browns in einer Klinik in Bristol die erste künstliche Befruchtung in der Menschheitsgeschichte. Das damals erzeugte Kind: Louise.

"lt's a girl!" titelte die Daily Mail. Für die Exklusivgeschichte soll das Blatt den Browns 1,3 Millionen Mark bezahlt haben. Von Anfang an war Louise Brown auch ein Medienstar. Am 26. Juli 1978 erblickte sie - dreizehn Minuten vor Mitternacht - das Licht der Welt und der BBC-Kameras - per Kaiserschnitt.

Und von Anfang an trug sie nicht nur den Namen Louise Patricia, sondern auch den Beinamen "Retortenbaby":

"Also, ich hatte bloß 'ne Hormonbehandlung und hatte dann gleich bei dieser ersten Hormonbehandlung diese wahnsinnigen Wechseljahresbeschwerden. Und wie man das toleriert! Also, das ist unwahrscheinlich, wie man das in dem Moment toleriert! Oder, als ich mir die Eierstöcke hab röntgen lassen, so was würde ich unter normalen Umständen nie tolerieren, da würde ich mir 'ne Narkose geben lassen. Das würde ich nie wieder machen lassen, Aber in so einem Moment toleriert man das einfach," sagt Angela.

Sie ist eine der ungezählten Frauen, die in den letzten Jahren all jene Belastungen und Prozeduren auf sich genommen hat, die mit einer In-Vitro-Fertilisation verbunden sind, mit einer künstlichen Befruchtung im Reagenzglas.

Die Beschwernisse beginnen mit der Klärung der für die Unfruchtbarkeit verantwortlichen Störungen. Liegen sie beim Mann? Liegen sie bei der Frau? Ein bis anderthalb Millionen Paare sind allein in der Bundesrepublik ungewollt kinderlos.

Behandelt werden zumeist die Frauen. Die Gewinnung der Eizellen erfordert eine hormonelle Stimulation und eine Punktion der Eierstöcke. Anschließend reift das im Reagenzglas befruchtete Ei innerhalb von zwei bis drei Tagen zu einem vier- bis achtzelligen Embryo heran, der dann in die Gebärmutter eingespült wird. Da die Erfolgsrate gering ist - nur jede zehnte Frau wird tatsächlich schwanger - werden meist zwei oder drei Embryonen übertragen, wobei es dann häufiger als sonst üblich zu Zwillings- oder Drillingsgeburten kommt.

Angela: "Man glaubt gar nicht, wie stark man eigentlich sein kann. Diese Hormonbehandlung bedeutet, dass man dort jeden Tag hin muss. Ich musste jeden Morgen hin, ich musste jeden Morgen in die Klinik, jeden Morgen 'ne Spritze, dann ab einem bestimmten Tag auch jeden Morgen Ultraschall. Auf alle Fälle hieß das Wartezeit mindesten anderthalb Stunden, weil die Sprechstunde dort war voll. So, das ist also ein großer Zeitfaktor. Ich hab das zum Beispiel gemacht und war ja berufstätig, hab' also auch Fehlzeiten gehabt. Und dann eben der Eingriff, die Hoffnung, also ist alles optimal. Und ich kann nur sagen, man, also ich hab alles hingenommen in der Hoffnung, ich werde schwanger."

Der mittlerweile verstorbene Frauenarzt Patrick Steptoe und der Biologe Robert Edwards haben 1978 bei Lesley Brown erstmals etwas geschafft, was mittlerweile zur Normalität geworden ist, die externe Empfängnis. Fast zwanzig Jahre lang hatten die beiden experimentiert.

Steptoe schrieb 1978 pathetisch: "Es war wunderbar - da waren acht runde, perfekte Zellen. Ich stand voller Ehrfurcht vor diesem herrlichen Pünktchen potentiellen menschlichen Lebens."

Ethische und moralische Einwände haben die Verbreitung der In-Vitro-Fertilisation nicht aufhalten können. Auf der ganzen Welt dürfte es inzwischen rund 300.000 Retortenbabies geben, 30.000 kommen jährlich hinzu. Und auch Louise Brown, das berühmte erste Wunderkind, würde die Retortentechnik nutzen, wenn sie nicht auf natürliche Weise ein Baby haben kann.

Autorin: Silke Bartlick
   
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