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23.7.1532: Protestanten erhalten Religionsfreiheit
"Nürnberger Anstand" heißt jene Übereinkunft, die den Evangelischen im Jahr 1532 Religionsfreiheit zugesteht. Diesem Abkommen sind jedoch ungeheuere Turbulenzen der Kirchengeschichte vorausgegangen.

Ein unbedeutender Mönch - Martin Luther - ist es, der sich 15 Jahre zuvor anschickt, die wohl kühnste Revolution aller Zeiten auszulösen. Sie markiert den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Getrieben von der Rechtfertigungsfrage, wie der Mensch vor seinem Schöpfer bestehen kann, gewinnt Luther die Erkenntnis: Wer an Gott und seinen Sohn Jesus Christus glaubt, der ist bereits vor Gott gerecht und zwar ohne Eigenverdienst - allein durch Gottes Gnade.

Damit stellt sich der Theologe gegen das von Rom praktizierte Ablasswesen. Die römische Kurie hatte den Ablasshandel eingeführt, um ihre ständige Finanznot zu lindern.

Vergebung der Sünden gegen klingende Münze, dazu kann Luther nicht schweigen. Am 31. Oktober 1517 veröffentlicht er in Wittenberg 95 Thesen, mit denen er zu einer Disputation über den Ablasshandel aufruft. Luthers Thesen verbreiten sich rasch im ganzen Reich. Ergebnis: Große Zustimmung in der Öffentlichkeit und entschiedene Gegnerschaft der Kurie. Dieser theologische Donnerschlag sollte das scheinbar feste Gefüge der katholischen Kirche bis in die Fundamente erschüttern.

"Luther wollte auf keinen Fall die Kirche spalten. Er hat um der Wahrheit willen dann solche Trennungen in Kauf genommen. Aber das Ziel war es in keiner Weise.", unterstreicht Horst Hirschler, von 1993 bis 1999 Leitender Bischof der Vereinigung Evangelisch-Lutherischer Kirchen in Deutschland. Doch unter dem Druck Roms sieht sich Luther gezwungen, seine Theologie in Programmschriften zu erläutern, die sich teilweise wie Anstiftung zur Revolution lesen.

Der um seine Macht fürchtende Papst Leo X. spricht im Januar 1521 den Bann über Luther aus. Drei Monate später, in der berühmten Rede auf dem Reichstag zu Worms, weigert sich der Dissident erneut, seine Lehre zu widerrufen. Daraufhin verhängt Kaiser Karl V. im "Wormser Edikt" die Reichsacht über ihn. Dennoch bringen die folgenden Monate den Beginn der evangelischen Bewegung.

Während Luther sich auf der Wartburg vor kaiserlicher Verfolgung versteckt hält, übersetzt er in nur zehn Monaten das Neue Testament vom Griechischen ins Deutsche. Außerdem verfasst er zahlreiche Schriften, die dem Anliegen der Reformation Profil geben.

Im Februar 1530 lässt sich Karl V. vom Papst die römische Kaiserkrone aufsetzen und schwört, die Papstkirche und ihre Rechte zu verteidigen. Und der einige Monate später stattfindende Reichstag in Augsburg soll auch das Problem der lutherischen Ketzerei in Deutschland lösen.

Luther, seit nunmehr neun Jahren mit dem päpstlichen Bann belegt und vogelfrei, lässt sich beim Reichstag von seinem Mitstreiter Philipp Melanchton vertreten. Dieser präsentiert seine von ihm ausgearbeitete "Confessio Augustana", das Augsburger Bekenntnis. Sie versucht den Nachweis zu erbringen, dass die Evangelischen dogmatisch durchaus auf dem Boden der katholischen Kirche stehen.

Horst Hirschler dazu: "Das ist damals nicht angenommen worden. Die Stimmung war schon so, dass der Kaiser das gar nicht wollte, dass ihm die Abgesandten aus Rom gesagt hatten: Das nicht! Was wollen wir denn mit denen? Da war keine Versöhnungszeit."

Damit stehen die Zeichen auf Krieg gegen die reformatorische Bewegung. Doch unverhofft verhindert außenpolitischer Druck Mord und Totschlag: Im April 1532 bedroht das türkische Heer unter Suleimann II. das Abendland. Angesichts dieser Gefahr sieht sich Karl V. zu Ausgleichsverhandlungen gezwungen. Ergebnis: Am 23. Juli 1532 wird mit dem "Nürnberger Anstand" ein Waffenstillstand geschlossen. Dieser sichert den Evangelischen für ihre Beteiligung am Krieg gegen die Türken Religionsfreiheit zu.

Doch erst 23 Jahre später, 1555, also neun Jahre nach Martin Luthers Tod, wird durch den Augsburger Religionsfrieden der Konflikt beigelegt.


Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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