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11.7.1968: "Spiel mir das Lied vom Tod"
Drei Männer am Bahnhof. Sie warten. Auf wen, das weiß der Zuschauer im Kino nicht. Die Minuten zerrinnen. Der Schweiß der Männer überträgt sich auf die Zuschauer. Die Spannung wird unerträglich. Wassertropfen und Fliegen werden zur Qual. Phantastische Großaufnahmen beherrschen die Leinwand im Kino.

Dann die ersten Worte: "Wo ist Frank? - "Frank hatte keine Zeit." - "Habt Ihr ein Pferd für mich?" - "Haha, wenn ich mich hier so umschaue, dann sind nur drei da. Sollten wir denn eins vergessen haben?" - "Ihr habt zwei zuviel!"

Schon der Auftakt von "Spiel mir das Lied vom Tod" wurde zur Legende, zum Mythos des modernen Kinos - und dann kam die unvergleichliche Musik dazu: Kaum eine Komposition in der Geschichte der Filmmusik war derartig einprägsam wie der Soundtrack des Italieners Ennio Morricone. "Spiel mir das Lied vom Tod" wurde gleich in mehrerlei Hinsicht zum Klassiker und Kultfilm: Musik, Inszenierung, Schauspielführung, Bildästhetik - all das setzte 1968 Maßstäbe.

Regisseur Sergio Leone hatte mit seinem Film "Für eine Handvoll Dollar" das Genre des Italowestern erfunden und mit zwei Fortsetzungsfilmen nachhaltig geprägt. Mit "Once upon a Time in the West", so der Originaltitel, schuf Leone noch einmal ein ganz eigenständiges Kunstwerk, verschmolz amerikanische Westernmythologie mit europäischer Oper.

"'Once upon a Time in the West' ist ein Bericht von einer Reise in ein fernes Land, das Amerika heißt und Atlantis bedeutet. Paradise Lost. Von seiner Reise hat Leone Bilder des Promised Land zurückgebracht, Bilder einer Sehnsucht und eines Traums. Er hat diese Bilder mit den Mitteln einer populären mediterranen Kunstform, der Oper, verknüpft. 'Once upon a Time in the West' ist Giuseppe Verdi gleichermaßen verpflichtet wie John Ford", schreibt der Kritiker Joe Hembus in seinem Western-Lexikon.

Die Geschichte des Films ist hinlänglich bekannt: Der große Schweiger Charles Bronson, im Film ohne Namen, sinnt auf Rache. Als kleiner Junge wurde er zum Zeugen eines makaberen Mordrituals, bei der er einen Song in eine Mundharmonika blasen musste, während sein Vater den Tod am Galgen fand.

Daneben erzählt Leone noch einmal die Geschichte der Eroberung des Westens mit der Eisenbahn, und er erzählt die Geschichte der schönen Hure Jill - Claudia Cardinale - , des bösen Frank - Henry Fonda - und des gutmütigen Gauners Cheyenne - Jason Roberts - in unglaublich schönen Bildern und mit lakonischen Dialogen, die so einfach wie wahr sind: "Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Warum bin ich eigentlich jetzt hier? Weil ich die Farm will oder die Frau? Nein, Du bist der Grund, und Du wirst mir jetzt sagen, wer Du bist!" - "Manche Leute sterben vor Neugier."

Das bestätigt sich am Ende. Der edle Henry Fonda, zuvor in seiner langen, erfolgreichen Karriere immer zuständig für das Gute, muss in den Staub beißen. Erschossen von Charles Bronson, der sonst immer den Bösen mimte - auch das war ein Schock für die Zuschauer damals.

In "Spiel mir das Lied vom Tod" kam vieles zusammen und vieles ließ sich hereininterpretieren, damals im Jahr 1968. Kapitalismus und Revolution, klassische Kultur und US-amerikanischer Pop, griechische Mythologie und Oper, Liebe und Tragödie: eben Kino in seiner reinsten und ursprünglichen Form und Vollendung und mit einer Musik, die auch heute noch eine Gänsehaut verursacht.

Autor: Jochen Kürten
   
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