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10.10.1958: Privatkredit für alle
Jeden Monat wieder - zum Ende sieht es mau aus auf dem Konto. Aber alles kein Problem, solange es Dispokredit gibt, ist alles möglich. Wo ein Wille ist, ist auch ein Geldautomat…

Der Dispositionskredit oder Überziehungskredit ist die am häufigsten genutzte Kreditform für Privatkunden. Sie erlaubt dem Verbraucher, sein laufendes Konto bis zu einer bestimmten Höchstgrenze zu überziehen. Die Einführung der bargeldlosen Lohn- oder Gehaltzahlung hat den Weg bereitet für die moderne Form des Überziehungskredits, so Dirk Stein vom Bundesverband deutscher Banken:

"Mitte der 50er-Jahre Jahre hat sich die bargeldlose Gehaltszahlung - sprich: die Zahlung auf Konten - durchgesetzt, und damit war das der Einstieg in den späteren Dispositionskredit. (…) 1958 schrieb der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Ehrhard ein Telegramm an den Bankiertag, doch für private Kunden auch Kredite zu ermöglichen. So genannte 'Personalkredite', so nannte sich das. Das war im Grunde genommen der Anlass dafür, dass die Banken Dispositionskredite später eingeführt haben. Für Privatkunden war das eine neue Einrichtung, solche Kredite gab es vorher nicht. Aber als Firmenkundengeschäft, als so genannte Kontokorrentkredite, war es schon allgemein üblich und ist dann auf die private Kundschaft übertragen worden."

Der Dispositionskredit gilt als besonders flexible Art der Kreditaufnahme. Im Regelfall beträgt die Höhe des Kredits drei Nettolöhne und wird üblicherweise beim Eingang von sechs Monatsgehältern gewährt. Der Kunde kann den Kredit beliebig zurückzahlen und gleichzeitig über diesen Barkredit bis zur Grenze erneut verfügen. Es sind keine Ratenzahlungen fällig.

Nach Ansicht von Verbraucherschützern sind allerdings Dispokredite häufig der Einstig in eine Schuldnerkarriere. Geldverfügbarkeit ist ein wesentlicher Anreiz zum Konsum. Zahlen belegen den Zusammenhang zwischen Gewährung der Dispokredite und der pro Kopf Verschuldung. Wie aus dem Jahresbericht des Bankenfachverbandes für 1992 hervorgeht, erreichte das Volumen des Überziehungskredits im Zeitraum von 1968 bis 1980 über 65 Milliarden Euro. Zu Beginn des Jahres 1992 betrug das Kreditvolumen bereits über 162 Milliarden Euro. Die Pro-Kopf-Verschuldung wuchs im Zeitraum von 1968 bis 1992 von 177 auf über 2000 Euro.

Nach Informationen der Sparkassen waren die deutschen Privathaushalte im ersten Quartal 2000 mit Konsumentenkrediten in Höhe von 103 Milliarden Euro verschuldet. Vertreter der Banken betonen, die Kreditwürdigkeit des Kunden werde ausreichend geprüft. Wichtig seien regelmäßige Gehaltseingänge auf dessen Konto. Zudem wird unter Umständen bei der Schufa nachgefragt, ob der betreffende Kunde bereits bei anderen Krediten säumig ist. Verbraucherschützer kritisieren dagegen die Vergabepraxis gerade für Dispokredite.

Der Dispokredit ist zum Massengeschäft geworden, der Gang zum Geldautomaten trotz Minus auf dem Konto ist für die meisten inzwischen selbstverständlich. Die Banken erheben dafür Zinsen zwischen 8,5 und 13 Prozent. Noch teurer wird es, wenn das Limit des Dispos überschritten wird. Dann legen die Banken meist noch bis zu vier Prozent drauf.

Trotzdem: verzichten möchte wohl kaum jemand mehr auf die Freiheit der einfachen Kreditnahme. Es spart Zeit, Überzeugungsarbeit und Schuhsohlen: Schon Benjamin Franklin hätte den Dispo zu schätzen gewusst. "Willst du den Wert des Geldes kennen lernen", sagte er einmal, "geh und versuche, dir welches zu borgen".

Autorin: Eva Lenhard
   
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