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5.7.1946: Erster Bikini
"Ich habe ihn als Revolution sozusagen erlebt, und es war für uns junge Leute natürlich schön, die jungen Mädchen mit ihren schönen Körpern in diesen Zweiteilern zu sehen", sagt ein Zeitzeuge.

Zwei kleine Stücke Stoff versetzen Ende der 1940er-Jahre die Badestrände in Aufruhr. Der französische Modeschöpfer Louis Réard gibt ihnen einen Namen: Bikini. Erfunden hat er das aufregende Badekostüm allerdings nicht. Schon einige Jahre zuvor kannten modemutige junge Damen nicht nur das Kleidungsstück, sondern auch seine Wirkung.

Eine Zeitzeugin dazu: "Allerdings hat man damals noch nicht von Bikini geredet, sondern von einem zweiteiligen Badeanzug. Es war immerhin schon eine ganz tolle Sache, wie wir damals im Bad erschienen sind und die jungen Herren uns anschauten!" Die Zeitzeugin ist eine der Damen, die Mitte der 1940er-Jahre den Bikini erproben. Die Zeiten sind schwer. Niemand kann damals in den Laden gehen und einfach Geld für eine kleine modische Spielerei ausgeben. Die jungen Mädchen müssen sich ihre Wünsche in Eigenregie erfüllen.

Die Zeitzeugin dazu: "Dann stellten wir einfach fest, dass ein zweiteiliger Badeanzug sehr reizvoll sein kann. Und nachdem wir uns keinen kaufen konnten mangels Geld, haben wir uns an die Nähmaschine gesetzt und uns einfach aus irgendeinem passenden Material einen Zweiteiler gemacht."

Zweiteiler mit gesellschaftlichem Sprengstoff

Ein Bikini muss vor allem eines: gut sitzen. Und das tut er nur, wenn er aus Material gefertigt ist, das sich dehnt. Gestrickte und gewirkte Stoffe können das. Folglich hat auch der Bikini der Zeitzeugin ein Vorleben: "Das war mal eine Strickjacke, also ein weiches, dehnbares Material. Und da hab ich den draus gezaubert. Und er war gar nicht hässlich. Ich kam mir schon recht seltsam vor. Es war schon irgendwo fremd. Aber gut, man hat sich eben daran gewöhnt, und unsere Gruppe war eben im Zweiteiler da. Da gab's keinen geschlossenen Badeanzug mehr."

Ein bisschen Mut gehört dazu, um das nabelfreie Badekostüm auszuführen. Obwohl die Bikinis, die die Zeitzeugin und ihre Freundinnen tragen, noch recht großzügig geschnitten sind. Erst Louis Réard macht aus dem Zweiteiler gesellschaftlichen Sprengstoff. Sprengstoff, der zündet, wie eine US-amerikanische Atombombe im Bikini-Atoll. Réard dementiert Zusammenhänge, er habe nur an pazifische Inselromantik gedacht, als er sein Badekostüm "Bikini" nannte.

Aber Tatsache ist, dass seine Kreation kurz nach dem spektakulären Waffentest erscheint und buchstäblich in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gebombt wird. Réard schockiert mit zwei winzigen Stoffdreiecken an Schnüren. Dieses Oberteil verhüllt nur knapp die weiblichen Reize. Das Höschen entspricht in der Form bereits dem heutigen Tanga.

Minimum an Material - höchstmögliche Wirkung

Kein seriöses Mannequin findet sich bereit, den Bikini vorzuführen. Erst die Nackttänzerin Micheline Bernardini lässt ihn am 5. Juli 1946 auf ihrer Haut das Licht der Welt erblicken. Die öffentliche Moral ist bis ins Mark getroffen. Diese Probleme sind inzwischen nicht mehr akut, ein ganz anderes, ästhetisches, schon, wie der Zeitzeuge meint: "Damals, da waren wir ja im Grunde genommen alle schlank. Die Männer und vor allen Dingen natürlich auch die Mädchen. Und erst später, als die wirtschaftliche Situation sich wieder besserte, da haben dann die Figuren eben zugenommen. Da hat man dann eben die Figur in den Bikini hineingepresst."

Das Problem, das der Zeitzeuge anspricht, holt jeden Sommer ein Gutteil der Weiblichkeit ein - und trotzdem hat gerade der Bikini mit seinen verlockenden Enthüllungen unzählige zarte Bande geknüpft. Deswegen erinnert sich der Zeitzeuge am liebsten: "An den Bikini meiner Frau. Ich liebte ihn heiß, sehr, sehr heiß. Der war blendend weiß, und meine Frau hatte immer eine braune Haut. Das war für mich wirklich das Non plus ultra."

Denn wie die Bombe unter dem Bikini-Atoll erzielt ein Bikini mit einem Minimum an Material die höchstmögliche Wirkung.



Autorin: Catrin Möderler
   
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