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8.7.2000: Potters Night
In dieser Sommernacht bietet sich britischen Passanten ein seltsames Bild: Aufgekratzte Kinder mit übermüdeten Eltern an ihrer Seite scheinen einem geheimen Plan zu folgen: Zielstrebig steuern sie mitten in der Nacht auf Buchläden zu, vor denen sich in guter britischer Manier lange Schlangen gebildet haben. Manche der Wartenden haben die 1,50 Meter noch nicht überschritten und sind mit schwarzen Zauberhüten und runden Brillen verkleidet.

Um Mitternacht erreicht die Spannung ihren Höhepunkt: Die Türen der Buchläden gehen auf, "Harry Potter and the Goblet of Fire" steht endlich zum Verkauf. Unter strengster Geheimhaltung gedruckt und mit größten Sicherheitsvorkehrungen ausgeliefert.

Zum ersten Mal in der Buchgeschichte erscheint die Erstauflage eines Buches mit einer Million Exemplaren. Bereits in Vorbereitung sind weitere fünf Millionen Exemplare allein für den englischsprachigen Markt. Damit passt sich der Buchhandel dem Harry-Potter-Phänomen der vorangegangenen Jahre an. Über 35 Millionen Bücher der Reihe über den Zauberlehrling sind weltweit verkauft worden. Verbunden mit einem Hype, wie es ihn seit den Zeiten der Beatles nicht mehr gegeben hat. Und auch die Kassen der Merchandising-Industrie klingeln. Harry Potter und seine Freunde sind in fast jeder Ausführung zu kaufen, ob als Radiergummi oder T-Shirt, Puppe oder Bettwäsche.

Lesen

Der enorme kommerzielle Erfolg von Harry Potter macht die allein erziehende Mutter und frühere Sozialhilfeempfängerin Joanne K. Rowling vermögender als die Queen. Inzwischen ist sie die reichste Schriftstellerin der Welt. Aber das ist nur ein Aspekt der Erfolgsgeschichte, der andere ist: Die Kinder lesen wieder! Zum Erstaunen und zur Freude von Pädagogen und Eltern lesen sie seit Harry Potter tatsächlich überall - nicht nur nachts heimlich unter der Bettdecke. Auch Erwachsene lassen sich von dem Zauber der Bücher anstecken, und auch die Feuilletons seriöser Zeitungen beschäftigen sich eingehend mit dem Phänomen "Harry Potter".

Der vierte Band ist mit noch mehr Spannung erwartet worden als seine Vorgänger. Gerüchte über seltsame Wendungen der Handlung haben die Runde gemacht und Verwirrung gestiftet. So war zum Beispiel die Rede davon, dass Harrys beste Freundin Hermine Hagrid heiraten würde, den liebenswerten, aber tumben Wildhüter des Internats. Und die Autorin Joanne K. Rowling hatte angedeutet, dass Harry langsam erwachsen werde und sich stärker mit Gewalt würde auseinandersetzen müssen.

"Harry Potter und der Feuerkelch" schreibt die ersten drei Bände fort, mit einem überraschend furiosen Auftakt. Der vierte Band gibt Antworten auf Fragen, die die Leser zu stellen vergessen haben. Beispielsweise: Warum ist Hagrid so groß? In diesem vierten Band erfahren sie es, ebenso wie Harry. Es wird klar, dass es auf der Welt noch andere Schulen für Hexen und Zauberer gibt, und dass auch außerhalb Englands Quidditch gespielt wird. In diesem vierten Jahr lernt Harry die internationalen Quidditch-Teams und einige Schüler anderer Schulen kennen. Er wird unfreiwillig hineinkatapultiert in einen gefährlichen Wettbewerb dieser Schulen und muss erneut um sein Überleben kämpfen. Denn immer noch und stärker denn je arbeitet der dunkle Lord Voldemort an seiner Rückkehr, will die Macht zurückgewinnen, die der kleine Harry ihm genommen hat. Es wird ein Spiel auf Leben und Tod, und diesmal ein ganz ernstes. Denn einer überlebt dieses Spiel nicht.

Zaubern

Joanne K. Rowling erzählt auch im vierten Band mit abgrundtiefem Humor eine zutiefst menschliche Geschichte. Mit den Hexen und Magiern entwirft sie nichts anderes als die ganze Klaviatur der Gattung Mensch, die allen Widrigkeiten und Hindernissen zum Trotz an das Gute glaubt und für das Gute kämpft. Allen voran Harry selbst. Ausgestattet, selbstverständlich, mit magischen Kräften. Er verwirklicht den Traum aller Kinder: Zaubern zu können.

Nach der Schlacht in den Buchläden hat die Nacht wieder ihre üblichen Geräusche. Die Kinder und Erwachsenen sind nach Hause gegangen. In den Häusern ist es still geworden - man hört nur noch das Rascheln der Buchseiten.


Autorin: Stephanie A. Frank
   
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Welcher Philosoph beschrieb das "Prinzip Hoffnung"?
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